Klangentspannung in der Geriatrie

Klangentspannung für Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige im Haus der Barmherzigkeit in Wien

Klangentspannung GeriatrieKlangentspannung in der Geriatrie: Das Haus der Barmherzigkeit in Wien legt viel Wert auf Stressprävention – auch für die Mitarbeiter. Die von Michaela Dorfmann und Sonja Bundschuh  hier beschriebenen zwei Klangprojekte verdeutlichen, dass nicht nur die Bewohner von den harmonischen Klängen der Klangschalen profitieren, sondern auch die Pflegekräfte und Angestellten des geriatrischen Pflegekrankenhauses und die Atmosphäre innerhalb der Stationsteams.

„Ich hatte noch nie ein so tolles Gefühl bei der Arbeit“

Seit nunmehr acht Jahren ist der Klang im Haus der Barmherzigkeit (HdB) im 16. Wiener Bezirk fester Bestandteil des Therapieangebotes. Das geriatrische Pflegekrankenhaus bietet rund 350 älteren und chronisch kranken Menschen auf 12 Stationen Langzeitbetreuung.

Im Haus gibt es unter anderem spezialisierte Stationen in den Bereichen Demenz, Multiple Sklerose und Wachkoma. Der Klang – anfangs als Pilotprojekt im Rahmen der Abschlussarbeit für die Weiterbildung Peter Hess®-Klangpädagogik eingeführt – hat sich vor allem in den letzten drei Jahren im ganzen Haus deutlich ausgeweitet. Maßgeblich dafür verantwortlich war, neben einer langen und guten Aufbauarbeit, die Unterstützung unserer Arbeit seitens Therapie und Pflege. Dank derer konnten wir nicht nur unser Klangschalensortiment schrittweise aufstocken und um einen TamTam Gong, ein Monochord und sogar seit kurzem um einen Klangstuhl erweitern, sondern erhielten auch nach und nach mehr Stunden zugewiesen.

Als freie Mitarbeiterinnen reichen unsere Klangangebote von Klangmassagen am Bett, über die Stressprävention für Mitarbeiter bis hin zur Integration der Klänge im Palliativbereich und der Sterbebegleitung.

Ein besonderes Anliegen sind uns und auch der Leitung die Klangangebote für die Mitarbeiter, denn wenn diese ihre Arbeit in Ruhe, Gelassenheit und mit Freude tut, wirkt sich das positiv auf die Bewohner und die gesamte Atmosphäre im Haus aus.

Erholsame Auszeit während der Arbeitszeit: „Klang im Fit Club“

Die gute Resonanz auf unsere Klangangebote führte vor etwa sechs Jahren zur Einführung von „Klang im Fit Club“, einem Angebot für alle Mitarbeiter des Hauses. Dieses monatlich stattfindende Angebot umfasst eine halbe Stunde, in der wir ein wohltuendes und entspannendes „Klangbad“ für bis zu 25 Personen anbieten. Dabei haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, sich hinzulegen, eine Auszeit während der Arbeitszeit zu nehmen und neue Kraft für den anstrengenden Arbeitsalltag zu schöpfen.

Dieses Angebot wissen die Mitarbeiter des Hauses sehr zu schätzen und es wird von allen Abteilungen im Haus gut angenommen. In der Pflege wird auf den meisten Stationen von der Leitung bereits darauf geachtet, dass das Pflegepersonal nach Möglichkeit abwechselnd dieses Angebot in Anspruch nehmen kann.

Selbst zu erleben, wie der Klang wirkt und was er bewirken kann, hat dazu geführt, dass das Bewusstsein und die Wertschätzung für unsere Klangarbeit im ganzen Haus gestiegen sind. Als Folge davon werden die Patienten immer besser auf die Klangmassage vorbereitet, gepflegt, oft sogar davor noch gebadet und gut gelagert, damit sie so gut wie möglich von der entspannenden Wirkung der Klänge profitieren können und sich wohlfühlen.

Ebenfalls wird soweit wie möglich darauf geachtet, dass wir ungestört mit den Patienten arbeiten können und es auf dem Gang nicht zu laut ist. Aussagen der Pflege wie „Oh wie schön. Ich würde jetzt auch gerne eine Klangmassage bekommen“ hören wir immer wieder auch von Mitarbeitern des Hauses.

Klangbäder während der „Harmoniewoche“ auf der Demenzstation Edith

Dieses wachsende Bewusstsein sowie die daraus folgende gestärkte Achtsamkeit haben den Wunsch auf einer der zwei Demenzstationen – der Station Edith mit 30 Bewohnern und 26 Mitarbeitern – entstehen lassen, ein eigenes Klangprojekt im Rahmen einer „Harmoniewoche“ durchzuführen. Ziel des Projektes war es, in dieser zu dem Zeitpunkt sehr unruhigen und lauten Station für etwas Entspannung unter den Mitarbeitern und in weiterer Folge bei den Bewohnern zu sorgen.

Neben dem Klang wurden auch Massagen für die Mitarbeiter, Konzerte, Tanzabende und andere Therapie- und Wohlfühlangebote gemacht und so eine die Sinne weckende, belebende, aber auch beruhigende und entspannende Woche gestaltet. Mit der Stationsleitung wurden die Wünsche und Ziele für das Klangprojekt erarbeitet. Es wurde vereinbart, täglich eine Einheit von 40 Minuten an fünf aufeinanderfolgenden Tagen anzubieten, an der Mitarbeiter, Stationsleitung und Bewohner teilnehmen können. Direkt im Anschluss an jede Einheit wurde eine kurze Reflexionsrunde mit den teilnehmenden Mitarbeitern und der Stationsleitung eingeplant. Die fünf „Klangräume“ fanden meist nach dem Mittagessen statt.

Die erste Einheit führten wir am späteren Nachmittag vor dem Abendessen durch, da dies eine besonders anstrengende und unruhige Zeit auf der Station ist. Etwa 30 Bewohner und 29 Stationsmitarbeiter versammelten sich dafür im Gemeinschaftsraum. Die meisten von ihnen saßen an den Tischen, auf Stühlen oder im Rollstuhl, einige nahmen am Sofa und in den Lehnstühlen Platz. Mit Neugierde und auch Skepsis beobachteten sie, wie wir unsere 12 Klangschalen im Raum so platzierten, dass wir möglichst alle in ein Klangbad einbetten konnten.

Es war laut und unruhig. Als wir begannen, die Schalen anzuklingen, waren verschiedene Reaktionen bei den Bewohnern zu beobachten: Einige wurden ganz still, lauschten gespannt den Klängen und beobachteten mit Interesse, was wir taten. Dabei nickten sie ab und zu bejahend. Einige wenige schlossen sogar die Augen und entspannten. Andere hingegen regten sich auf, wurden unruhig. „Ich höre nichts. Lauter!“, „Was soll das?“, „Was tun die da?“, so ihre Kommentare. Das Pflegepersonal war zu Beginn ebenfalls eher angespannt. Einige von ihnen sprangen immer wieder auf, um Bewohnern zu helfen oder sie zum Stillsein zu animieren. Nur einzelne unter ihnen konnten bereits bei diesem ersten Klangbad bei sich bleiben und gut entspannen.

Bei der anschließenden Reflexionsrunde gab es die Möglichkeit, persönliche Eindrücke mitzuteilen und Fragen zu stellen. Wir bestärkten die Mitarbeiter darin, während des Klangraums bei sich zu bleiben. Wir luden sie ein, nicht bei jedem Laut der Bewohner sofort aufzuspringen und boten an, uns während des Klangraumes um die Bewohner zu kümmern und, wenn wirklich notwendig, um Hilfe zu bitten.

Dies war sehr wichtig und entlastete das Pflegepersonal, wodurch es ihnen bei den folgenden Klangeinheiten nach und nach möglich war, immer mehr loszulassen, zu entspannen und sich eine Auszeit zu erlauben. So konnten wir im Laufe der weiteren vier Klangeinheiten bei allen Teilnehmenden eine wesentliche Entspannung beobachten. Obwohl viele der Bewohner Hörprobleme hatten und dadurch die Klänge gar nicht hören konnten, wirkten deren Schwingungen im Raum auf sie beruhigend. Die Stationsmitarbeiter entspannten zunehmend, dadurch wurden auch die Bewohner ruhiger. Der Klang begann seine Wirkung zu entfalten.

Diese positive Wirkung ging so weit, dass es in einer der folgenden Nächte keine einzige Nachtglocke auf der Station gab, wie uns von der Stationsleitung erstaunt und zugleich glücklich mitgeteilt wurde. Auch Stürze gab es auffällig weniger. Am Ende dieser „Harmoniewoche“ holten wir mittels eines Fragebogens Rückmeldungen der Stationsmitarbeiter ein, um ihre Beobachtungen und Erlebnisse abzufragen sowie einen Lerntransfer der gewonnenen Eindrücke in den Alltag zu gewährleisten. Folgende Rückmeldungen möchten wir an dieser Stelle besonders hervorheben:

„Während der Harmoniewoche habe ich eine ruhigere Atmosphäre als an anderen Tagen gesehen. Manche Bewohner sind ohne Schlafmittel eingeschlafen. Jeder spricht in einer geringeren Lautstärke. Weniger Stürze. Lachen in jedem Gesicht. Jeder hat sich Zeit für sich genommen.“

„Meine Erkenntnis ist, dass Stimmungen von Mitarbeitern an die Bewohner übertragen werden können. Deshalb ist es immer wichtig, entspannt und ruhig den Bewohnern gegenüberzutreten. Besonders wichtig ist es, sich genug Zeit für die Bewohner zu nehmen und ihnen immer gut zuzuhören. Somit zeigen wir ihnen, dass wir sie wertschätzen und dass sie uns wichtig sind.“

„Ich habe gemerkt, dass ich mit meiner Lautstärke, die ich im Gespräch mit Bewohnern und meinen Kollegen verwende, maßgeblichen Einfluss auf die Lautstärke der gesamten Station habe. Als wir das erkannten, war es leicht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen.“

„Ich habe etwas Neues entdeckt. Ich hatte noch nie so ein tolles Gefühl bei der Arbeit. Durch diese Harmoniewoche war ich sowohl privat als auch im Dienst sehr beruhigt. Auch zwischen Personal und Bewohnern war eine besondere, tiefere Verbindung als normalerweise. Sie haben sich uns anvertraut.“

Diese positiven Ergebnisse führten dazu, dass die Stationsleitung in Absprache mit den Mitarbeitern den Wunsch äußerte, zukünftig einmal im Monat einen Klangraum zu gestalten.

Klangprojekt auf der geriatrischen Station Teresa

Dieses erste Projekt weckte viel Neugierde im Haus, da diese spürbar entspanntere und ruhigere Atmosphäre auf der Station Edith nicht nur den eigenen Mitarbeitern zugute kam, sondern auch allgemein im Haus bemerkt wurde. Dies führte etwa ein Jahr später zur Anfrage einer weiteren Station im Haus. Es handelt sich dabei um eine allgemein geriatrische Station, die Station Teresa mit 32 Bewohnern und 29 Mitarbeitern. Dieses zweite Projekt hatte eine andere Struktur.

Wir arbeiteten diesmal soweit als möglich im wöchentlichen bis zweiwöchentlichen Abstand über zehn Einheiten, ohne eine intensive Klangwoche vorweg. Die Klangeinheiten fanden i.d.R. nach dem Mittagessen statt. In einem Zielgespräch mit der Stationsleitung wurden folgende Projektziele erarbeitet. Die Mitarbeiter sollten die Möglichkeit bekommen,

  • sich selbst und ihren Stresspegel gut wahrzunehmen,
  • sie sollten lernen, besser auf das eigene Wohl zu achten,
  • der auf der Station gefühlte Stresslevel sollte niedriger werden.

Diese Ziele waren auch Teil der regelmäßig stattfindenden Stationssupervision und ergänzten sich somit. Von Beginn an gestalteten wir den Klangraum als Basis immer mit den Klangschalen, die Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Im Laufe der Zeit nahmen wir aber auch andere Instrumente als neue Impulse dazu wie z.B. den TamTam Gong, eine Flöte und ein Monochord.

Wir beobachteten, dass es im Laufe der Klangräume auf der Station immer ruhiger wurde. Manche Bewohner, die am Anfang noch in den Tag- bzw. Aufenthaltsraum gebracht wurden, kamen in der Folge von selbst zum Klangraum, wenn sie uns kommen sahen. Auch Angehörige gesellten sich dazu und genossen die Klänge sehr. Auch hier holten wir Rückmeldungen in Form von Fragebögen bei den Mitarbeitern ein:

„Ich konnte mich entspannen, bin ruhiger geworden und konnte klarer denken.“

„Ich kann mich besser in der Arbeit konzentrieren, die ruhigere Stimmung durch den ganzen Arbeitstag mitnehmen und geduldig sein, bzw. mir mehr Zeit lassen.“

„Ich werde öfter versuchen, entspannter zu sein, und versuchen, meine Ruhe und Entspannung mit in die Arbeit und nach Hause zu nehmen.“

Eine wesentliche Erkenntnis war, dass es sehr hilfreich ist, im Stress ein paar Minuten in sich zu gehen, bevor man weiterarbeitet. Von der Kraft und Ruhe, die man durch die Entspannung gewinnt, profitieren die Bewohner unmittelbar und auch die Kollegen. Es wurde gelernt, das Reden und Lautieren der Bewohner zuzulassen, ohne selbst aus der Entspannung zu kommen. Die Ruhe kehrte dann wie von selbst immer wieder ein. Was die Mitarbeiter auch sehr schätzten, war die Möglichkeit, in der Arbeitszeit zu entspannen und dabei mehr über sich selbst zu erfahren. Dies wurde als große Wertschätzung vonseiten des Arbeitgebers empfunden.

Folgende Beobachtungen bestätigen den Erfolg des Projektes:

  • Die Stimmung auf der Station ist allgemein entspannter und leichter geworden.
  • Sogar das auffällige Zähneknirschen bei zwei Bewohnerinnen hat stark nachgelassen, was alle sehr entlastet.
  • Die Mitarbeiter machen mehr Pausen.
  • Sie sprechen leiser miteinander, was sich auch auf die Lautstärke anderer Personen auf der Station auswirkt, sodass es insgesamt ruhiger geworden ist.
  • Mitarbeiter und Bewohner sind durch die gemeinsame Erfahrung mehr zusammengewachsen.
  • Und es gibt mehr Gelassenheit, mehr Lächeln, mehr wache Präsenz der Mitarbeiter und Bewohner auf der Station.

Von der Stationsleitung wurde noch Folgendes besonders hervorgehoben:

  • Die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt im Team wurden enger.
  • Das Teamgefühl ist gewachsen.
  • Die Mitarbeiter bemerken von selbst, wenn es zu laut ist, und sorgen dann dafür, dass wieder Ruhe einkehrt, auch indem sie sich gegenseitig erinnern.
  • Die Mitarbeiter sind mehr in ihrer Selbstverantwortung gewachsen.
  • Der Stresslevel ist deutlich gesunken – in einer Skalierung abgefragt von 9 zu Beginn auf 4-5 am Ende des Projektes laut Befragung in der Supervision.

Auch auf dieser Station werden wir zukünftig einmal im Monat Klangräume anbieten, um laufende Unterstützung beim Lerntransfer zu geben.

Fazit: Eine win-win-Situation für alle

Abschließend möchten wir als Projektleiterinnen noch eine Beobachtung besonders erwähnen: Es stellte sich in beiden bisherigen Projekten im Laufe der Zeit eine Win-win-Situation ein, von der alle profitierten:

  • Die Mitarbeiter bekamen eine entspannende, stärkende Klangerfahrung geschenkt. Dadurch ergab sich mehr Reflexion zum Thema Stress und Entspannung untereinander und mehr Bewusstsein für diese Themen.
  • Die Bewohner wiederum profitierten von der Ruhe auf den Stationen und den entspannten und gestärkten Mitarbeitern.
  • Auch das Team untereinander konnte harmonischer und flexibler miteinander umgehen und aufeinander eingehen.

Die Ruhe und Gelassenheit, die wir vom Klangteam in den Klangraum mitbringen, egal, was gerade los ist, strahlt ebenfalls in den Raum zurück und wirkt. Und so gibt es im Herbst bereits Termine für eine weitere Station im Haus und auch für Frühling 2020 haben wir schon eine Anfrage.

Eine besondere Wirkung dieser Projekte, die weit über das unmittelbar Feststellbare hinausgeht, ist ein sich selbst verstärkender Kreislauf von gegenseitiger Achtsamkeit und Wertschätzung, der sich ausbreitet und seine Kreise zieht. Gerade in unserer heutigen schnelllebigen Zeit ist ein wachsendes Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse sowie die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden von großer Bedeutung.

Denn nur, wenn wir lernen, uns selbst achtsam und wertschätzend zu begegnen, können wir mit den uns anvertrauten Patienten, mit unseren Kollegen und mit unseren Mitmenschen würdevoll und auf Augenhöhe umgehen. Ein lohnendes Ziel, das sich in der Arbeit mit den Klangschalen in sanften Schwingungen spürbar ausbreitet und seine Kreise zieht.

Nada Brahma – Die Welt ist Klang

Sonja Bundschuh ist in eigener Praxis als Peter Hess®-Klangmassagepraktikerin und -Klangpädagogin sowie als Vitapädagogin tätig.

Kontakt: www. sonjabundschuh.com · E-Mail: info@sonjabundschu.at

Mag. Michaela Dorfmann ist in eigener Praxis als Peter Hess®-Klangmassagepraktikerin und -Klangpädagogin, Gong-Klangpraktikerin, Coach sowie Dipl. Lebens- und Sozialberaterin tätig.

Kontakt: www.klangsam.at · E-Mail: m.dorfmann@klangsam.at

Lesen Sie einen weiteren Artikel zu Klangschalen bei Demenz und im Pflegebereich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.