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Einfach nur ich sein! Klangmassage in der Tagespflege

Klangmassage Tagespflege SitzenGastautorin Judith Lenz arbeitet seit Dezember 2014 stundenweise mit Klangmassage in der Tagespflege im Tagespflegehaus St. Kilian in Paderborn als sogenannte „Alltagsbegleiterin“ mit den Klangschalen. Die Einrichtung wird täglich von etwa 30 Personen im Alter von 47 bis 98 Jahren besucht. Manche kommen täglich, andere nur tageweise. Die Krankheitsbilder der Gäste sind sehr unterschiedlich.

Sie reichen von Apoplex (Schlaganfall) und Demenz, über altersbedingten Begleiterscheinungen, bis hin zu Gäste mit Sehstörungen (blind), Gehörlosen, Menschen mit Gang-Unsicherheiten u.v.m. Die Gäste sind verschiedener Nationalität und gehören unterschiedlichen Religionen an.

Ich komme aus der Pflege und habe immer viel mit unterschiedlichsten Menschen zu tun gehabt, doch dies war anfänglich eine echte Herausforderung für mich. Also ging ich mit viel Achtsamkeit vor und das hat sich bis heute ausgezahlt bzw. bewährt.

Die Klangmassage als Therapie unterstützendes Angebot

Die Klangmassage wird in der Tagespflege zu den jeweils bestehenden Therapien unterstützend eingesetzt. Eine gute Erfahrung ist es, dass ich mit den Leuten, die dort arbeiten (Pflegepersonal, Ergo-, Physiotherapeuten, etc.), gut vernetzt bin. So werden die Tagesgäste auch von deren Seite motiviert, die Klänge auszuprobieren. Natürlich gibt es auch Skeptiker. Diese kommen jedoch von sich aus, um die Wirkung der Klangschalen selbst zu spüren. Die eigene Erfahrung überzeugt sie dann meist. Der gegenseitige Austausch mit dem Personal und die Dokumentation der Klangmassagen ist sehr wichtig, denn nur so ist ein ganzheitliches und effektives Klangangebot möglich.

„Da ist die Dame mit den Schalen“

Wenn ich in das Tagespflegehaus komme, spreche ich erst mit den Betreuern, was sie meinen, wem ich heute Klang geben könnte – natürlich berücksichtige ich auch die Klienten, die mich direkt ansprechen. Obwohl ich nur 1-2 Mal die Woche in das Tagespflegehaus komme und auch nicht alle Gäste jeden Tag da sind, kennen mich doch inzwischen recht viele. Manchmal muss ich innerlich echt schmunzeln, wenn ich das Haus betrete und gleich von Gästen angesprochen werde, dass ich sie doch bitte zur Klangmassagen nicht vergessen soll. Manchmal höre ich auch „Da ist die Dame mit den Schalen“ oder „Gibt es heute wieder Klang?“.

Achtsamkeit von Anfang an

Beim ersten Treffen stelle ich meinen Gästen die Klangschale erst mal vor, indem ich ihnen etwas über die Wirkungsweise erzähle und ihnen anbiete, die Klänge über den Handteller zu erfahren. Dabei gilt es, immer die jeweiligen Möglichkeiten meiner Klienten zu berücksichtigen, um sie auch nicht zu überfordern. Wenn das alles stimmig ist, frage ich nochmal nach, ob sie eine Klangmassage ausprobieren möchten. Erst dann beginnt mein eigentliches Klangangebot. Hat jemand Zweifel, dann biete ich es ihm an, sich in Ruhe zu überlegen, ob er nochmal kommen möchte oder frage nach, ob ich ihn/sie denn nochmal auf Klang ansprechen darf, wenn wir uns das nächste Mal im Haus begegnen.

Jedes Klangangebot gestaltet sich immer individuell

Klangmassage TagespflegeFür meine Arbeit steht mir ein Raum mit einem Therapiebett zur Verfügung. Dieses ist höhenverstellbar und sehr breit, sodass es eine ideale Lagerung für die Klangmassage ermöglicht. Ich biete den Gästen die Klangmassage in der Tagespflege im Liegen auf dem Therapiebett an oder alternativ sitzend in einem Ruhesessel. Die meisten Gäste bevorzugen es, die Klänge im Liegen und damit auf der Körpervorderseite zu genießen.

Für mein Klangangebot verwende ich das klassische Klangmassage-Therapieklangschalen-Set, bestehend aus Becken-, Universal- und Herzschale sowie einer kleinen Kopfschale. Ich beginne immer mit der Universalschale im Körperumfeld zum sanften Ankommen und beende die Klangsitzung mit einem hohen Ton. Dieser holt die Klienten wieder gut ins Wachbewusstsein zurück und ist zudem ein klares Zeichen für das Ende des Klangangebotes. Was dazwischen passiert ist sehr unterschiedlich – je nach Krankheitsbild, aktuellen Bedürfnissen und Wünschen meiner Gäste. Die Behandlungsdauer variiert auch, dauert aber nur selten länger als 20 Minuten. Doch selbst diese kurze Zeit bewirkt schon unglaublich viel. Ich selber habe im Laufe der Zeit Veränderungen bei einigen Gästen bemerkt. Und auch das Personal sowie die Angehörige haben mich schon darauf angesprochen, wie gut den Gästen bzw. ihren Familienangehörigen die Klänge tun.

„Nur mal selber sein dürfen“

Insgesamt bin ich selber positiv überrascht, wie offen sich die Tagesgäste auf mein Klangangebot einlassen. Egal, ob ich jüngere Menschen oder ältere habe, alle sind von der Wirkung der Klangmassage beeindruckt und genießen das „Nur mal sie selber sein zu dürfen“, das „Dass die Gedanken nicht mehr im Kopf rum springen“. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen froh sind, ihren von Krankheiten geschwächten Körper oder ihre äußere Hülle für einige Zeit „vergessen“ zu dürfen und wirklich die Seele baumeln zu lassen. Für mich ist es wunderbar zu sehen, wie die kurze Klang-Auszeit vom Alltag diesen Tagesgästen guttut. Die folgenden Fallbeispiele geben einen kleinen Einblick in meine Arbeit dort.

Für mich ist es eine Freude, den Gästen die Klangmassage in der Tagespflege zukommen zu lassen. Ich merke, wie sie Ruhe suchen sowie Geborgenheit. Einfach mal loslassen dürfen und nicht immer müssen, einfach nur „Ich“ sein.

Fallbeispiele:

Eine meiner Klientinnen ist eine 92-jährige Dame, die dreimal die Woche in die Tagespflege kommt. Sie ist für ihr Alter noch recht rüstig, neigt jedoch zu Depressionen. Sie erzählte mir nach der Klangsitzung „wie herrlich es war, wie harmonisch die Töne“. Nach der Klangmassage schickte ich sie zum Ergometer (Fahrradtraining). Die behandelnde Therapeutin erzählte mir im Nachhinein, dass diese Dame nach der Klangmassage viel motivierter als sonst war und dass sie sogar mehr Fahrrad gefahren sei. Sie sei auch insgesamt viel positiver gestimmt gewesen.

Eine andere Klientin ist eine junge Frau, die nach einem Aortenaneurysma (pathologische Ausweitung der Hauptschlagader) in die Tagespflege kommt und von mir Klang erhält. Sie hat seit dem Aortenaneurysma eine Halbseiten-Symptomatik, ähnlich wie bei Apoplex-Patienten. Anfänglich konnte sie sich sehr schlecht „fallenlassen“ und entspannen. Sie erzählte auch, dass sie mit dem Loslassen/Fallenlassen schon immer Probleme gehabt habe. Nach nur drei Klangsitzungen von jeweils 15-20 Minuten schloss sie die Augen und schlief sogar teilweise ein. Sie sagte selber „Es ist so gut, den Kopf frei zu haben“. Zudem genoss sie auch sehr die Behandlung der beeinträchtigten Seite. Sie nahm über die Klangschalen die Seite mehr wahr und auch während der Klanganwendung ließ sich die Hand, die an der betroffenen Seite zur Faust geschlossen ist, mit Hilfe der Klänge besser öffnen.

Ich habe auch Klienten, die von Demenz in verschiedenen Stadien betroffen sind. Je nachdem, wie es diesen Gästen geht, fallen Behandlungsdauer und Ablauf verschieden aus. Manche mögen die Schale auf dem Körper – dadurch können sie ihre Begrenzung eher wahrnehmen – manche mögen die Schalen lieber neben ihrem Körper – sodass sie sich vom Klang eingehüllt und geborgen fühlen.

Über Judith Lenz

ist Krankenschwester und seit 2011 Peter Hess-Klangmassagepraktikerin sowie Aromapraktikerin. Seit 2014 bietet sie die Klangmassage in der Tagespflege den Gästen eines Tagespflegehauses in Paderborn an.

Kontakt: judith-lenz@web.de

Weiterführende Infos:

2 Gedanken zu „Einfach nur ich sein! Klangmassage in der Tagespflege

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag über Klangmassage in der Tagespflege. Gut zu wissen, dass die Klangmassage eine gute Achtsamkeitsübung ist. Wir suchen gerade einen Pflegedienst für meine Oma und sind daher über diesen Artikel gestolpert.

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