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Klangmassage in der Krebstherapie: „Vor der Chemotherapie habe ich jetzt keine Angst mehr“

Wie kann die Klangmassage ergänzend in der Krebstherapie eingesetzt werden? Unser Gastautor Mathias Elsner-Heyden berichtet aus seinem Arbeitsalltag:

Klangmassage im Rahmen des musiktherapeutischen Angebotes in der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin
Göttingen

Diagnose Krebs – plötzlich ist alles anders

Die Diagnose Krebs stürzt die von dieser Erkrankung betroffenen Menschen häufig in eine tief greifende Lebenskrise, die sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelischen Ebene eine große Belastung mit sich bringt. Die Diagnose löst unzählige Ängste aus, auch wenn die Behandlungsmöglichkeiten stetig besser werden. „Krebs“ ist nach wie
vor untrennbar mit der Angst vor dem Tod verbunden. So ist nach der Diagnose nichts mehr, wie es vorher war. Alles dreht sich auf einmal um die Krankheit und ihre Behandlung – private wie berufliche Pläne stehen plötzlich in Frage. Die ambulante, v.a. aber die stationäre Behandlung bringt zahlreiche Stressoren mit sich, die eine zusätzliche Belastung darstellen. Schmerzen, veränderte Körperwahrnehmung, innere Unruhe, Ängste, Schlafstörungen – all das gehört für viele Betroffene (und auch Angehörige) zum Alltag.Der Körper wird oft als Feind erlebt, Schmerzen, Wahrnehmungsstörungen,
Hautjucken, Durchblutungsstörungen u.ä. verstärken diese Gefühle. Entsprechend wichtig sind für diese Patientengruppe Angebote, die hierzu einen Gegenpol schaffen. Als Musiktherapeut nutzte ich die Klangmassage
als eine komplementäre ganzheitliche Methode, um die Patienten zu unterstützen und zu stärken. Die Klänge sind eine willkommene „Auszeit von der Krankheit“, sie schenken Entspannung, Wohlbefinden und wecken positive Gefühle. Damit können sie wesentlich den Genesungsprozess auf allen Ebenen des Seins unterstützen.

Klangmassage KrebstherapieDie Klangmassage ist eine echte Bereicherung für mich und meine Arbeit

Musik hat für mich schon immer eine große Rolle gespielt. In unserer Familie wurde viel musiziert und gesungen. Früh habe ich „mein“ Instrument gefunden, nämlich die Gitarre. Ich konnte zu ihr singen, lernte auf ihr zu improvisieren, zu komponieren und mit ihr zu kommunizieren – beim Vorspiel oder Zusammenspiel zu zweit oder in Gruppen. Ich spürte intensiv die Resonanz, die Musik beim Gegenüber auslösen und die mehrere Menschen miteinander verbinden kann. Schon während meines Sozialpädagogikstudiums festigte sich bei mir der Wunsch, Musik auch beruflich einzusetzen.

So entschloss ich mich nach wenigen Berufsjahren dazu, Musiktherapie zu studieren und mich als Musikpädagoge und Musiktherapeut selbstständig zu machen. Das ist mittlerweile 22 Jahre her. Begeistert von Joachim-Ernst Berendt´s Rundfunkserie „Nada Brahma – die Welt ist Klang“ und geleitet vom Bedürfnis im ganzheitlichen Sinn noch tiefer in die Welt der heilsamen Klänge und Musik einzutauchen, führte mich mein Weg vor über 10 Jahren zur Peter Hess®-Klangmassage und den -Klangmethoden. Ihre vielfältigen
Einsatzmöglichkeiten haben mir von Anfang an das gegeben, wonach ich gesucht hatte, sowohl für mich selbst als auch beruflich. Heute könnte ich mir meine musiktherapeutische Arbeit ohne Klangschalen gar nicht mehr
vorstellen – sie begleiten mich in den unterschiedlichsten Arbeitsfeldern, so auch in der Begleitung von Krebspatienten, wie ich sie in der Klinik für Hämatologie und Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen anbiete.

Das ganzheitliche Konzept meines musiktherapeutischen Angebots

Ich arbeite seit jeher nach einem ganzheitlichen Ansatz, den ich hier etwas näher beschreiben möchte. In der kulturellen Entwicklung der Menschheit spielten Musik und Klang schon immer als verbindendes Element eine bedeutende Rolle. Seit Jahrtausenden ist bekannt, dass Musik und Klang, achtsam und zielgerichtet eingesetzt, die Eigenschaft besitzen, Körper, Geist und Seele zu harmonisieren und wieder in Einklang zu bringen. In diesem Sinn sehe ich Musiktherapie als ganzheitliche Therapieform, welche alle Bereiche anspricht und die Eigenschaft besitzt, das Gesunde im Menschen zu stärken und zu fördern. Mir ist es dabei ein innerstes Anliegen, mit Musik und Klang Brücken zu bauen und Begegnungen zu gestalten. In einer musiktherapeutischen Sitzung heißt das, miteinander in Resonanz zu gehen,
eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung aufzubauen, mit Achtsamkeit zu beobachten und zu empfinden, was im Hier und Jetzt ist. Das bezieht sich auf mein Gegenüber, auf mich, auf die Situation. Auf dieser Grundlage kann auch Dissonanzen Raum gegeben werden, die in den Therapieprozess konstruktiv mit einbezogen werden können.

Ich möchte meine Klienten/Patienten dort abholen, wo sie stehen und sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten. Nach meiner Überzeugung können sie diesen Weg nur selbst erkennen und eigenständig gehen. Ich möchte ihnen helfen
und sie dazu motivieren, wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden, die eigenen Stärken zu entdecken, zu entwickeln und zu nutzen.

Als Musiktherapeut steht mir hierfür eine Vielzahl an Methoden zur Verfügung, sodass ich individuell auf den Klienten/Patienten eingehen kann. Bei meiner Arbeit kommen mir meine Erfahrungen zugute, die ich in den vielen Jahren meines Berufslebens als Musiktherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und nicht zuletzt als Sozialpädagoge und Musiker sammeln konnte.

Die Klangmassage und -Klangmethoden, wie ich sie am Peter Hess® Institut erlernt habe und wie ich sie in verschiedenen Arbeitsfeldern und mit unterschiedlichsten Klienten gezielt einsetze, sind mir hier besonders wertvoll geworden. Vor allem auch deshalb, weil ich in ihren Prinzipien, die eine wertschätzende, achtsame Zuwendung von Mensch zu Mensch anstreben und den Blick auf Lösungen und Ressourcen richten, meinen therapeutischen Ansatz wiederfinde.

Musik- und Klangtherapie in der Klinik

Seit 2010 bin ich im Rahmen meiner ambulanten Praxis als Musik- und Klangtherapeut in der Klinik für Hämatologie und Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen tätig. Finamziert wird meine Arbeit von der „Göttinger Gesellschaft zur Unterstützung der Krebsforschung und -therapie e.V.“. Von Anfang an begegneten sowohl das Ärzte- und Psychoonkologen-Team als auch das Pflegepersonal und die Patienten mir und meinem musiktherapeutischen Angebot mit den Klangschalen mit Wertschätzung und Interesse. Ich arbeite dort auf drei Stationen, die für Patienten mit einer Krebserkrankung vorgesehen sind.

Bei den Patienten, die ich behandele, geht es hauptsächlich um unterschiedliche Formen von Blutkrebs. Meine Hauptstation ist die sogenannte „Station Holland“, die nach dem amerikanischen Arzt James F. Holland benannt ist. Hier werden die Patienten im Rahmen von Hochdosistherapien mit autologer und allogener Stammzelltransplantation betreut. Hier finden also Knochenmark- und Blutstammzelltransplantationen
statt, eine Behandlungsform, die bei den auf dieser Station aufgenommenen Patienten die größte bzw. einzige Heilungschance für ihre Erkrankung darstellt.

Das bedeutet für die Patienten in der Regel, dass sie sich wochenlang – teilweise ohne das Zimmer verlassen zu können – auf dieser Station aufhalten müssen. Anfangs findet eine sogenannte Umkehrisolation statt, die aufgrund der Abwehrschwäche zur Verhinderung von vermeidbaren Infektionen unerlässlich ist. Die Aufenthaltsdauer auf der gesamten Station richtet sich danach, wie die Patienten die vorbereitende Chemotherapie bzw. das nachfolgende Transplantat vertragen und wie sich der Körper nach der Transplantation regeneriert. Sie variiert zwischen vier und sechs Wochen,
wenn keine Komplikationen auftreten.

Mein musiktherapeutisches Angebot ist hier als komplementäre Therapie
angesiedelt. Für meine Arbeit mit besonders bedürftigen Patienten bietet die Klangmassage für mich die Möglichkeit – im Gegensatz zur aktiven Musiktherapie – ein rezeptives und körperorientiertes Verfahren anzuwenden. Für die Patienten dieser Klinik hat sich das als genau richtig erwiesen. So wurde aufgrund erhöhter Nachfrage nach „Klangschalentherapie“ durch Patienten mein Stundenkontingent bereits nach wenigen Monaten erhöht, sodass ich heute einen Tag in der Woche als externer Mitarbeiter zu den Patienten komme. Meist kann ich an einem Tag fünf bis sechs Patienten besuchen, wobei pro Klangsitzung etwa eine Stunde
vorgesehen ist. Die meisten der Patienten begleite ich während ihres gesamten Klinikaufenthaltes (auf verschiedenen Stationen) über vier bis 16 Wochen oder länger, je nach Chemotherapie-Programm. Da die Nachfrage groß ist, bedarf es eines effektiven Zeitplans. Hierzu kooperiere ich eng
mit dem Pflegepersonal, den Ärzten und Psychoonkologen, die mir die Patienten i.d.R. zuweisen. Sie haben entweder eine Idee, wem mein Angebot (meistens genannt: „Klangentspannung“, „Klangschalentherapie“, „Klangmassage“) gut tun könnte. Manchmal wenden sich auch die Patienten
aus eigenem Interesse an sie oder direkt an mich.

Mein Klangangebot

Übergeordnetes Ziel meines Angebotes ist es, einen Gegenpol zum belastenden Alltag zu bieten. Entspannung, Wohlfühlen, positive Gefühle wachrufen – das sind meine Wünsche für die Patienten. Ich möchte sie bei der Bewältigung ihrer Krankheit unterstützen und natürlich können während der Klangmassage auch Gefühle der Trauer und Angst auftauchen. Diese bearbeiten wir dann gemeinsam. Meist habe ich nur wenige Vorinformationen zu den einzelnen Patienten, wobei diese i.d.R. auch nicht nötig sind. Besonders beim Erstkontakt gehe ich sehr sensibel vor, da ich ja nie weiß, wie offen die Patienten für mein Angebot sind und wie es ihnen gerade körperlich und seelisch geht. Um nicht zu „überfallartig“ zu wirken, lasse ich daher die Klangschalen erst mal im Vorraum, der jedem Patientenzimmer vorgeschaltet ist. Erst wenn mein Gegenüber den Wunsch geäußert hat, die Klänge kennenzulernen, hole ich die Klangmaterialien ins Zimmer. Währenddessen lasse ich meist das obligatorische Infoblatt lesen.

Mein Equipment besteht normalerweise aus einer Beckenschale, einer Herzschale sowie einer Universalschale in Peter Hess®-Therapieklangschalenqualität, dazu die passenden Schlägel sowie eine kleine Assam-Klangschale für den Abschluss der Klangmassage. Als Lagerungsmaterial nehme ich aus hygienischen Gründen z.B. frische Stoff- und Papierhandtücher, Waschlappen, Kissen und Decken des Krankenhauses.

Für mich hat es sich v.a. beim Erstkontakt bewährt, die Klangschalen schon beim Vorgespräch anzutönen und darüber mit den Patienten in Resonanz zu gehen. Auf diese Weise entsteht viel schneller und intensiver eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung. Außerdem besteht über das Hören die Möglichkeit, schon vor der Klangmassage einen Eindruck von dem spezifischen, obertonreichen Klang der Therapieschalen zu bekommen und sich zu öffnen. So wird erfahrungsgemäß die erste Klangmassage noch
intensiver wahrgenommen. Auch kann es manchmal sinnvoll sein, zusätzlich im Vorgespräch die taktile Wahrnehmung anzuregen, indem ich die Universalschale auf die Hände stelle und dadurch zusätzlich zum Höreindruck ihre Schwingung spüren lasse.

Im Vorgespräch erkläre ich auch den Ablauf der Klangsitzung, dass die Klangschalen in einer bestimmten Reihenfolge auf den Körper positioniert und angeklungen werden – zum Teil klingen dann mehrere Klangschalen gleichzeitig. Wichtig ist mir, mit den Patienten ein klares Rückmeldesystem zu vereinbaren, sodass sie wissen, dass sie immer Fragen stellen können oder mir auch mitteilen, wenn etwas unangenehm ist. Ich klinge dann kurz einmal die Assam-Klangschale an, damit meine Patienten das Signal für das Ende der Klangmassage schon mal kennenlernen.

Die Patienten der Stationen, auf denen ich tätig bin, sind fast immer über Schläuche mit mehreren Geräten und der Infusion über den zentralen Venenkatheter am Hals verbunden. Entsprechend ist eine Klangmassage nur in Rückenlage möglich. Ausgehend von der Basisklangmassage kann ich unter Einbeziehung der verschieden Klangelemente hier trotzdem individuell auf die Patienten mit ihren physischen und psychischen Gegebenheiten und Bedürfnissen eingehen. Oft erkläre ich den Patienten, dass ich über die Handreflexzonen, adäquat zu den Fußreflexzonen, das gesamte Körpersystem erreichen kann, und dass es ganz besonders bei einer Krebserkrankung darum geht, ressourcen- bzw. lösungsorientiert zu arbeiten und das Gesunde zu stärken. I.d.R. verlaufen die Klangsitzungen schweigend, manche Patienten schlafen auch ein.

Nach der Behandlung besteht Raum zum Nachspüren – dabei bleibe ich in einer präsenten Haltung bei meinen Patienten. Nachdem die Assam-Klangschale drei Mal erklungen ist, leite ich zum bewussten Ankommen im Hier und Jetzt an und es gibt Gelegenheit, über das Erlebte zu sprechen.

Die Klänge werden als Unterstützung und Bereicherung erlebt

Im Laufe der Jahre durfte ich viele Patienten begleiten. Besonders berührt hat mich einmal die Aussage einer Patientin nach einer Klangmassage: „Vor der Chemotherapie habe ich jetzt keine Angst mehr.“

Die Patienten erleben die Klänge eigentlich immer als große Unterstützung
und Bereicherung, wie auch folgende Rückmeldungen verdeutlichen:
„Ich konnte endlich mal abschalten, normalerweise fällt mir
das sonst sehr schwer.“
„Ich fühle mich, im Gegensatz zu vorher, wohlig warm. Alles
ist gut durchblutet und ich bin total entspannt.“
„Während der Klangmassage habe ich meine Schmerzen
nicht mehr wahrgenommen, jetzt fühle ich mich wohler in
meiner Haut.“
„Irgendwie haben sich meine Schmerzen wohltuend verteilt,
sodass ich sie nicht mehr als so belastend empfinde.“
„Besonders der Klang der Herzschale hat mich sehr angesprochen
und ich konnte sofort entspannen. Das ist mein
Ton.“
„Ich habe die Klänge bewusst wahrgenommen und bin dabei
verreist. Ich war in einem fernen Land, in das ich schon immer
mal reisen wollte.“
„Ich habe lange nicht mehr so ein angenehmes Gefühl gehabt.
Sogar meine Füße und Beine sind wieder durchblutet
und ich habe nicht mehr dieses Gefühl, Fesseln um meine
Füße zu haben.“
„Sogar das Hautjucken war direkt nach der Klangmassage
und auch noch einige Zeit danach verschwunden.“
„Der Klang und die Vibration der Klangschale auf meiner
Hand gingen über den ganzen Körper bis in meine Füße und
ich konnte sofort entspannen.“
„Ich fühle mich gestärkt und energiegeladen.“
„Ich fühle mich nun gut vorbereitet für die bevorstehende OP
und bin viel ruhiger“.
„Ich fühlte mich sehr geborgen und habe große Hoffnung,
dass ich das schaffe und alles wieder gut wird.“
„Ein wunderschöner Klang!“
„Das müsste man noch mehr Patienten in Form von einem
großen Klangkonzert zukommen lassen.“

Auch die Klinik-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter bestätigen mich in meiner Arbeit und geben mir immer wieder ein tolles Feedback. Z.B. sind sie begeistert, wie die Patienten auf die Behandlung ansprechen. Manche haben geäußert, dass mein Angebot möglichst jeden Tag stattfinden sollte. Pflegepersonal, Psychoonkologen und Ärzte haben sich dafür eingesetzt, dass die Stundenzahl meines musiktherapeutischen Angebotes um 2,5 auf wöchentlich 7 Stunden erhöht wurde. So kann ich mir inzwischen eine Arbeit mit dieser Patientengruppe ohne Klangschalen gar nicht mehr vorstellen.

Im Folgenden möchte ich exemplarisch von einem Fall berichten, der Einblicke in meine musiktherapeutische Behandlung mit Klangschalen auf der Station Holland gibt:

Fallbeispiel: Herr H.

Als ich morgens die Station betrete, werde ich sowohl von der Stationsleitung als auch von einem der Stationsärzte angesprochen. Falls es mir zeitlich möglich sei, solle ich heute auf jeden Fall zu Herrn H. gehen. Der habe gerade ein psychisches Tief, unter anderem, weil er sich im Moment viele Gedanken mache, schlecht schlafen könne und auch körperlich sehr schwach sei. Klangschalentherapie tue ihm sicherlich sehr gut.

Ich sage zu, da ein Patient, den ich über viele Wochen während seiner Behandlung in der Klinik begleitet hatte, vor kurzem entlassen wurde, sodass ich Raum für einen neuen Klienten habe. Für heute sind bereits sechs Patientenbesuche auf drei verschiedenen Stationen geplant. Ich möchte aber als erstes diesen neuen Patienten versorgen.

Also hole ich meine Klangschalen und gehe in den kleinen Vorraum seines Zimmers. Ich desinfiziere meine Hände und lege Mundschutz und Kittel an. Ich hänge mein freundlichgelbes Schild „Musiktherapie/Entspannung – Bitte nicht stören!“ an die Außentür, klopfe vorsichtig an die Tür des Zimmers, in dem sich der Patient in der Umkehrisolation befindet und trete ein. Überraschenderweise liegt Herr H. nicht im Bett, sondern sitzt in einem Sessel am Fenster, neben ihm ein mobiler Ständer, an dem mehrere Beutel
hängen, die durch Schläuche mit seinem Körper verbunden sind. Ich stelle mich kurz vor und er begrüßt mich etwas bedrückt, aber freundlich. Ja, er habe schon von meinem Angebot mit Klangschalen über eine Krankenschwester gehört und interessiere sich dafür.

Daraufhin gebe ich ihm zunächst das Informationsblatt mit der Bitte, es durchzulesen, und hole währenddessen die Klangschalen aus dem Vorzimmer. Als ich wiederkomme, erzählt mir Herr H., dass er die Diagnose „Lymphom“ habe, eine besonders aggressive Art von Blutkrebs. Auf einer anderen Station der Klinik, auf der er mehrere Wochen verbracht habe, sei er mit Chemotherapie vorbehandelt und hier auf der Station Holland vor einer Woche transplantiert worden. Vor der Aufnahme habe er einige Wochen auf die Blutstammzellen warten müssen, da zunächst kein geeigneter Spender gefunden wurde. Er habe gerade ein seelisches Tief, da er seit mehreren Tagen wenig Gefühl und Kraft in den Händen habe und seine vier- und sechsjährigen Töchter vermisse. Diese seien noch zu klein, um die Station betreten zu dürfen. Das sei aber auch gut so, weil er nicht sicher sei, ob sie ihn in diesem Zustand erleben sollten. Auch wisse er nicht, ob er jemals wieder in seinem Beruf arbeiten könne – auch das bereite ihm große Sorgen.

Während des Vorgesprächs töne ich ab und zu eine Universalschale an. Immer wieder unterbricht Herr H. seinen Redefluss, um andächtig dem Klang zu lauschen. Da Herr H. von Gefühl- und Kraftlosigkeit in den Händen gesprochen hatte und ich meinen Fokus stets auf die Stärkung des Gesunden, gut Funktionierenden lege, spreche ich erst einmal nur das Hören an und biete zunächst keine Klänge für die Handreflexzonen an. Während des Vorgesprächs erläutere ich Herrn H. den Ablauf der Klangmassage und
bitte ihn um eine direkte Rückmeldung, falls bei ihm Fragen auftauchen oder etwas anderes sei. Wir vereinbaren, dass die Hände in die Klangmassage einbezogen werden können.
Nun legt sich Herr H. auf das Bett und versucht, die für ihn bequemste Position einzunehmen. Die Knie will er über eine elektronische Einstellmöglichkeit des Bettes etwas erhöht haben, eine Decke ist nicht nötig. Zunächst ermögliche ich dem Patienten ein „Ankommen mit Klang“, indem ich die klingende Universalschale über den Körper vom Kopf bis zu
den Füßen führe. Ich spüre, dass Herr H. schon zu Beginn der Behandlung sehr gut entspannen kann. Seine Atmung wird gleichmäßiger und ruhiger, er liegt nahezu bewegungslos und entspannt da und auch seine Gesichtszüge entspannen sich zu einem zufriedenen Gesichtsausdruck. Nach und nach stelle ich die Klangschale auf den Bauch- und Brustbereich, beziehe dann auch die Schultern und Hände mit ein und ende schließlich, nachdem ich die große Beckenschale auf Nabelhöhe angetönt habe, mit der Universalschale. Sie führe ich schwingend dreimal im Abstand von etwa 30 cm zum Körper von den Füßen bis zum Kopf und etwas darüber hinaus.

Der helle Ton der Assam-Klangschale, die ich, nach einer ausreichenden zeit zum Nachspüren, dreimal anklinge, kennzeichnet das Ende der Klangmassage. Nachdem er langsam wieder zurück ins Hier und Jetzt gekommen ist, sagt er ganz begeistert: „Das war fantastisch! Schon als Sie die große Schale auf dem Bauch im Solarplexus-Bereich angeschlagen haben, ging der Klang durch den ganzen Körper und meine Hände fingen an zu kribbeln. Sofort hatte ich wieder Gefühl in ihnen. Auch die Schale auf den Händen empfand ich als sehr angenehm. Ich fühle mich jetzt viel ausgeglichener und entspannter als vor der Klangschalentherapie und zudem noch viel kraftvoller.“

Als er das schildert, hat er Tränen in den Augen. Gerne wolle er, solange er in der Klinik sei, neben der schulmedizinischen Behandlung weitere Klangbehandlungen bekommen. Da mein Angebot nur einmal wöchentlich stattfinden kann, gebe ich ihm den Hinweis, dass er die Möglichkeit habe,
sich selbst in diesen angenehmen Zustand, den er während der Klangmassage erlebte, zurückzuversetzen. Mit ein wenig Ruhe und Verinnerlichung kann er einen Zugang zu den im somatosensorischen Kortex gespeicherten Gefühlen finden, die durch die auf dem Körper stehenden Klangschalen durch die taktile Wahrnehmung ausgelöst wurden. Hierzu könne er selbst eine Klangschale verwenden – ich stelle für diese Zwecke gerne ein Leihklangschale mit Schlägel zur Verfügung. Oder er kann die Klänge auch über eine CD mit Klangschalenmusik genießen – hier empfehle ich die CD „Adhvanika – eine Reise in die Welt der Klänge“ von Peter Gabis (Verlag Peter Hess).

Manche Patienten berücksichtigen diese Information auch nach ihrem Klinik-Aufenthalt, bspw. berichtete mir ein Patient, den ich später wieder
traf: „Als ich zu Hause war, habe ich versucht, mich an die Klangmassage zu erinnern und konnte auf diese Weise entspannen.“
Obwohl das in Deutschland häufig verwendete Begrüßungs- und Abschiedsritual des Handschlages aus hygienischen Gründen normalerweise auf der Station Holland vermieden wird, reicht mir Herr H. am Ende unserer Sitzung erst die rechte, dann die linke Hand und verabschiedet sich mit den Worten: „Vielen Dank, jetzt habe ich wieder Hoffnung, dass ich vollständig gesund werde! Spüren Sie die Kraft, die ich wieder in meinen Händen habe?“

Die Klangmassage in der Musiktherapie etablieren

Die vielen positiven Rückmeldungen – gerade aus der Arbeit mit Krebspatienten – führten dazu, dass ich vor einiger Zeit in mir den Wunsch verspürte, die Klangmassage in der Musiktherapie zu etablieren und an Kolleginnen und Kollegen weiterzugeben. So entwickelte ich entsprechende Fachseminare, die ich auch über das PHI sowie in Kooperation mit dem Peter Hess Institut anbiete und die inzwischen von der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG) akkreditiert sind. In diesem Jahr konnte ich erstmals den Fortbildungskurs „Klangmassage in der Musiktherapie“ im Institut für Musiktherapie an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg anbieten. Zu meiner großen Freude ist dort bereits
für das kommende Jahr ein weiterer Kurs geplant.

About Mathias Elsner-Heyden

Dipl. Sozialarbeiter/-pädagoge, Musiktherapeut DMtG, Approbation als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Musikpädagoge, Peter Hess®-Klangmassagepraktiker. Seit 2006 Einbeziehung der Peter Hess®-Klangmassage in die musiktherapeutischen Arbeitsfelder. Seit 2015 autorisierter Ausbilder in der Peter Hess®-Klangmassage.
Kontakt:

E-Mail: info@elsner-heyden.de · www.klangmassage-goettingen.de

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