Mit Klangschalen und Gongs Bewusstseinsprozesse gestalten

Die Klänge im Allgemeinen und Klangschalen im Besonderen können  sehr rasch in veränderte Bewusstseinszustände führen. Warum das so ist und wie die Klänge hinsichtlich Bewusstseinsprozesse wirken können, erläutern Prof. Dr. Thilo Hinterberger und Dr. Christina Koller in diesem Beitrag.

Klanginduzierte und klangbegleitete Bewusstseinsprozesse

Ein Beitrag von Prof. Dr. Thilo Hinterberger und Dr. Christina Koller aus der Fachzeitschrift Klang-Massage-Therapie 14/2019, S. 16-24

Einleitendes

Entspannungsverfahren, therapeutische Interventionen oder auch andere Methoden, die in veränderte Bewusstseinszustände führen, sie alle nutzen die Kraft von Klängen auf unterschiedlichste Weise und erreichen damit etwas, das sonst in dieser Intensität kaum möglich wäre. Einen Überblick über wissenschaftliche Untersuchungen von Musik- und auch Klang-therapeutischen Verfahren liefert ein relativ aktuelles Review von Leubner und Hinterberger (2017). Wir richten unseren Fokus in diesem Beitrag auf die bewusstseinsverändernde Wirkung von Klangmethoden, denn aufgrund ihrer Struktur können Klänge sehr schnell in veränderte Bewusstseinszustände führen. Um dies verständlich zu machen, möchten wir zunächst eine Definition des Begriffs Klang liefern, in der bereits wichtige Informationen zu dessen Wirkweise liegen.

Klang – eine Definition

KlangschwingungWir hören einen Klang, wenn etwas, das zum Schwingen gebracht wird, ausklingt. Im Vergleich zur Musik, die eine Vielzahl von Parametern enthält, zeichnet sich Klang, wie wir ihn hier definieren möchten, durch eine Reduktion auf wenige akustische Eigenschaften aus. Diese sind ein Frequenzspektrum mit harmonischen Anteilen sowie eine langsam abklingende Hüllkurve. Typisch hierfür sind die Klänge von Klangschalen, Gongs oder Zimbeln. Ein Gong hat z.B. ein sehr komplexes Frequenzspektrum, in dem sich Harmonien finden lassen, sonst würde man ihn als Geräusch empfinden. Im Gegensatz dazu trägt bei vielen Rhythmusinstrumenten (z.B. Trommeln) der Rhythmus die stimulierende Information, wobei der „Klang“ einer Trommel ein eher nicht harmonisches Frequenzspektrum und eine steil abfallende Hüllkurve aufweist. In diesem Beitrag möchten wir uns auf nicht-rhythmische Klanginterventionen beschränken und betrachten, wie mit diesen Eigenschaften von Klängen verschiedenartige Möglichkeiten der Intervention verwirklicht werden können. Dennoch spielt bei den Transformativen Prozessen meist die Verbindung zwischen klanglichen, rhythmischen und auch körperlichen Elementen wie Atem oder Tanz eine bedeutende Rolle. Daher beziehen wir auch körpereigene, rhythmische Vorgänge wie das Atmen in die Klanginterventionen mit ein.

Klanganwendungen

Klangmeditation

KlangmeditationDie Klangmeditation ist eine Meditation, die nicht durch Worte angeleitet, sondern ausschließlich durch die Klänge verschiedener Klangschalen gestaltet wird. Ähnlich zu anderen Meditationsformen wie der Stille-Meditation, aber auch den imaginativen Meditationsformen, ist das Element der Stille auch in der Klangmeditation sehr wesentlich. Dabei ist das Hauptcharakteristikum des Klanges durch die lang abklingende Hüllkurve ein wesentliches Instrument. Es regt zunächst zum Lauschen an, welches zu einer zunehmenden Sensibilisierung bis hin zur Präsenz in der Stille am Ende jedes Klanges führt. Die Klangmeditation kann in verschiedenen körperlichen Positionen durchgeführt werden und ist auch als Gruppenintervention geeignet. Die life gespielten Klänge sind für die Präsenz im Augenblick daher so wichtig, weil dadurch der Meditierende zur Hingabe an die Unbestimmtheit jedes Augenblicks aufgefordert wird. Klänge aus Aufnahmen hingegen vermitteln ein implizites Wissen um die Vorbestimmtheit eines Klanges, welches den Aspekt jener Präsenz reduziert. Auch ist die Natürlichkeit, mit der der Klang im Raum erklingt, von äußerster Wichtigkeit und kann nicht ohne Weiteres durch Lautsprechersysteme oder Kopfhörer erzeugt werden. Denn das Selbstempfinden im akustischen Raum bewirkt gleichermaßen eine Weitung des Bewusstseinsraumes und damit ein befreiendes Erleben. Insgesamt ergibt sich damit ein entspannender Prozess, der durch eine erhöhte Sensibilität und Präsenz gekennzeichnet ist.

Klang-Pause

Klang-PauseEine nur zwei bis fünf Minuten dauernde Kurzform der Klangmeditation stellt die Klang-Pause dar. Eine Klang-Pause ist im Allgemeinen auch zwischen mental fordernden Aktivitäten sinnvoll wie in der Schule, in Sitzungen, Diskussionsrunden, etc. Dabei soll neben der entspannenden Wirkung eine Dissoziation und Loslösung von gedanklicher Anhaftung erreicht werden. Dies ermöglicht eine kurze Regeneration, mentale Frische, verbunden mit einer Neutralisierung der gedanklichen Sphäre. Bei der Klang-Pause kann der Klang entweder nur gehört oder aber auch gefühlt werden, wenn z.B. eine Klangschale auf dem Handteller angeklungen wird.

Klangmassage

KlangmassageDie bisher genannten Wirkaspekte finden sich in der Klangmassage weitgehend wieder. Jedoch kommt hier die direkte Stimulation des Körpers, durch die am bekleideten Körper aufgestellten und angeklungenen Klangschalen hinzu, welche eine zusätzliche Komponente des Klangerlebens bilden. Auch handelt es sich hierbei um ein Einzelsetting, das i.d.R. im Liegen durchgeführt wird und bei dem die unmittelbare Beziehung zwischen Klanggebenden und Klient sehr viel stärker noch in den Vordergrund rückt. Auch hier findet sich ein Entspannungseffekt mit erhöhter Sensibilität und Präsenz. Jedoch berichten die Teilnehmenden über eine erhöhte Verbundenheit, welche einerseits durch die Integration des Körpererlebens mit dem Klangerleben und andererseits durch den Kontakt zum Klanggebenden erklärt werden kann. Eigene Studien zeigen eine deutlich erhöhte Vitalisierung, Balance und ein erfüllteres Befinden nach einer Klangmassage im Vergleich zu einer Klangmeditation.

Gongerleben

Auch hier gelten die Wirkaspekte einer Klangmeditation. Jedoch unterscheiden sich die Klänge von Gongs von denen der Klangschalen in Hinblick auf ihr Frequenzspektrum deutlich. Gongs besitzen ein sehr komplexes, meist obertonreiches und teilweise nicht-harmonisches Spektrum, welches je nach Anschlagstärke und -punkt sehr unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Da Gongs sowohl sehr leise als auch sehr laut und mit unterschiedlichen Techniken eher pulsativ als auch flächig gespielt werden können, ergeben sich entsprechend erweiterte Möglichkeiten der Bewusstseinsmodifikation.

Das Gongerleben bei leiser Spieltechnik ähnelt dem der Klangmeditation mit Klangschalen, jedoch finden wir eine erhöhte Aufmerksamkeit durch die Komplexität des Klanges. Dies scheint auf eine eher achtsamkeitsfördernde als rein entspannende Wirkung hinzuweisen.

Bei lauter Spieltechnik hingegen gelten völlig andere Gesetzte, wodurch auch sehr verschiedene Bewusstseinsprozesse ermöglicht werden. Bei flächig gespielten, hohen Lautstärken von großen Gongs – ab etwa einem Meter Durchmesser – findet eine akustische Überstimulation statt, welche durch die hohe Komplexität des Schallsignals zu einer Überforderung in der Informationsverarbeitung führen kann. Dadurch wird einerseits die gesamte Aufmerksamkeit auf die Verarbeitung des Klanges gerichtet, abschweifende Gedanken sind kaum mehr möglich, und die bisherigen Gedankenschleifen und Verhaftungen können sich auflösen. Durch die hohen Schalldrücke entsteht ein akustisch und körperlich intensives Klangerleben, das teilweise als überwältigend, auflösend oder auch destabilisierend beschrieben wird.

Die Rolle des Atmens

Der Vorgang des Lauschens besteht darin, die Klänge zu sich kommen zu lassen und ihnen beim Abklingen zu folgen, um sie wieder loszulassen. Ganz Ähnliches tun wir in der Achtsamkeitsmeditation, wenn wir auf unseren Atem achten, wie er kommt und geht. Es bietet sich also an, die körpereigenen rhythmischen Vorgänge, wie das Atmen, mit den Klängen zu verbinden, um damit im Klangerleben zu einer Resonanz mit sich selbst zu gelangen. So kann es beispielsweise hilfreich sein, auch Klangmeditationen bewusst mit dem Atem zu verbinden.

In einer aktuellen Studie des Forschungsbereichs Angewandte Bewusstseinswissenschaften haben wir unterschiedliche Atemdauern untersucht und dabei sowohl die subjektive Befindlichkeit als auch physiologische Parameter wie Herz- und Gehirnaktivität gemessen. Wie vielfach bereits bekannt, nimmt die Herzratenvariabilität zu langsameren Atemgeschwindigkeiten hin zu, was auf eine parasympathische Aktivierung hindeutet. Dies kann als Zeichen einer gesunden Entspannungsreaktion gedeutet werden, was auch durch die subjektiven Wahrnehmungen der Teilnehmenden bestätigt wurde. Hingegen zeigten die langsamen Hirnpotenziale bei einer Atemdauer von 10 Sekunden pro Atemzug eine maximale Resonanz, die bei sowohl schnellerer als auch langsamerer Atmung sehr viel schwächer ausgeprägt war. Dabei sollte stets die Zeit des Ausatmens länger als die des Einatmens sein. Da diese Resonanz von 10 Sekunden pro Atemzug auch mit dem Rhythmus der Baroreflexsensibilität, also der Blutdruckregulation im Körper übereinstimmt, ergibt sich in einem verlangsamten 10-Sekunden Atemrhythmus eine große Resonanz aus Atmung, Herzratenvariabilität, Blutdruckregulation und vor allem der langsamen Gehirnaktivität (Hinterberger et al, 2019; Loew et al., 2017). Wir empfehlen daher, die besondere Wirkung dieser verlangsamten Atmung für sich auszuprobieren und zu praktizieren, um mögliche Kombinationen mit Klanganwendungen zu entwickeln.

Eine besonders wirkungsvolle Form eines klangunterstützten Atemprozesses ist die Gong-getaktete Tiefenatmung. Dabei wird ein 10-Sekunden Atemrhythmus durch Gongschläge angeleitet, wobei der Fokus beim Verklingen eines jeden Gongschlages auf das Ausatmen liegt. Die Atmung selbst wird als verbundenes Atmen durchgeführt, wie es auch bei dem Holotropen Atmen nach Stanislav Grof praktiziert wird. Es werden tiefe Atemzüge ohne Atempause ausgeführt, wodurch sich sogenannte holotrope Zustände ergeben können, also einer Veränderung des Bewusstseins mit einem tiefen emotionalen Erleben.

Prozessvariationen

Im Folgenden versuchen wir verschiedene Wirkweisen aufzuzeigen, welche durch unterschiedliche Klanganwendungen erzielt werden können. Dabei können die verschiedenen Formen ineinander übergehen und sind nicht auf diese Kategorisierung begrenzt.

Entspannungsprozesse

Zahlreiche Klanganwendungen wie Klangmeditationen, Klangmassage, aber auch leise gespielte Gongs, Monochord und andere Instrumente führen zu tiefen Entspannungsreaktionen. Da im Klangerleben keine Reiz-Reaktions-Bereitschaft erforderlich ist, erlauben sie ein Loslassen und damit eine Muskelrelaxation. Auch andere mentale Vorgänge der Aufmerksamkeit und Reizverarbeitung können aufgegeben werden, wodurch unser Bewusstsein frei zu einem fühlenden und ungerichteten Erleben gelangt. Die Konzeptfreiheit der Klangstrukturen unterstützt ein wertfreies Gewahrsein und eine Präsenz in jedem Augenblick des Lauschens. Darüber hinaus weckt die ruhige und sanfte Stimulation durch Klänge mit begrenztem Informationsgehalt ein grundlegendes Vertrauen in das Hören. Dadurch, dass Klänge nicht antizipierbar sind, braucht es dieses Vertrauen und eine Hingabe an das Vertrauen kann ein beglückendes Erlebnis sein, denn es bildet eine Korrespondenz zur vertrauensvollen Hingabe an das Leben selbst. Diese Voraussetzung erfüllen Klangschalen vorzüglich. Damit kann eine nährende Qualität für die Alltagbewältigung in Zeiten ständiger Veränderungen und großer Ungewissheit geschaffen werden.

Klangunterstützte Meditation

Klänge, wie sie durch Klangschalen mit einer klaren, weichen Klangcharakteristik erzeugt werden, eigenen sich besonders gut zur Begleitung oder zur Einleitung von Meditationen. Dabei unterstützt das langsame Ausklingen des Klangs die Meditierenden auf ihrem inneren Weg in die Stille, in der die Meditation weitergeführt wird. Anstelle der Klangschalen wird häufig zu Beginn der Klang einer Zimbel verwendet, um die Meditation einzuleiten und am Ende ein ein- oder dreifacher Klang, der die Meditierenden wieder ins Alltagsbewusstsein zurückruft. Da Klänge frei von semantischem Gehalt sind, bleibt ein konzeptfreies Bewusstsein eher gewahrt.

Eine klangtechnische Meditationshilfe wurde am Forschungsbereich Angewandte Bewusstseinswissenschaften entwickelt, in der mit Hilfe eines Biofeedbacksystems während einer Meditation die elektrische Hautleitfähigkeit gemessen wird. Da Hautleitfähigkeitsreaktionen mit emotionalen Regungen korreliert sind, die häufig in gedanklichen Abschweifungen von der achtsamen, nichtwertenden Präsenz im Augenblick auftreten, können diese als Indikator für die Meditierenden dienen, von denen solche Gedankenwanderungen oft erst nach einiger Zeit bemerkbar würden. Das Feedbacksystem koppelt dabei die Hautleitfähigkeitsreaktion an die Wiedergabe eines Klangs und erinnert so an die Rückkehr zur achtsamen Präsenz (siehe Hinterberger et al., 2018).

Transformative Prozesse

Wenn Klänge mit höherer Lautstärke und größerer Klangvielfalt präsentiert werden und eventuell auch rhythmisch und mit körperlichen Aktivitäten wie Atmen oder Tanzen verbunden werden, dann tritt statt einer Entspannungsreaktion eine Aktivierung auf. Auch in diesem aktivierten Zustand kommt es zu veränderten Bewusstseinszuständen wie etwa den bereits erwähnten holotropen Zuständen oder Zustände von Trance und Ekstase. Auf diese Weise induzierte, veränderte Bewusstseinszustände haben etwas Herausforderndes. Sie können je nach Induktionsart und aktueller Verfassung der Person Prozesse in Gang bringen, die entweder auflösender, destabilisierender oder auch aufdeckender Natur sind. Dies kann durchaus sehr positiv genutzt werden, sodass am Ende eine Transformation des Bewusstseins stattfinden kann, die in eine höhere Klarheit, Kraft und Ausgeglichenheit führt. Wir bezeichnen daher diese Art von Interventionen als transformative Prozesse. Um solche Vorgänge jedoch sinnvoll und gewinnbringend nutzen zu können, ist es wichtig, eine bestimmte Prozessstruktur einzuhalten und gewisse Regeln zu beachten.

Der transformative Prozessverlauf

Den Ablauf einer solchen transformativen Sitzung beschreiben wir in drei Phasen: 1) Nach einer entsprechenden Vorbereitung auf den Prozess erfolgt die Induktionsphase, die mit Hilfe von Klang oder/und Rhythmus eine Bewusstseinsveränderung (zum alltäglichen Zustand) bewirkt. Daran schließt sich an 2) die Nachruhe oder Nachwirkphase als Phase der Stille und Ruhe, in der wiederum neue Bewusstseinsveränderungen stattfinden können – oft passiert sogar Wesentliches in der Nachwirkphase. Anschließend folgt 3) eine Integrationsphase, in der der resultierende Bewusstseinszustand und die gemachten Erfahrungen in die Lebenskontexte und das Alltagsbewusstsein eingeordnet werden. Die Dauer jeder der drei Phasen sollte jeweils gut bedacht werden. Vor allem die Nachwirkphase darf nicht zu kurz sein.

Wirkweisen

Durch die starke sensorische Stimulation in Verbindung mit einer körperlichen Aktivierung und einem weniger kognitiven, veränderten Bewusstseinszustand kann es zu Prozessen aufdeckender Natur kommen, in welchen Lebensthemen getriggert, aber auch eventuelle Traumata restimuliert und im Prozess bearbeitet werden können. Aber auch positive Erfahrungen sind möglich bis hin zu ekstatischen Gipfelerfahrungen. Diese können in Zustände der Verbundenheit oder sogar einer ozeanischen Selbstentgrenzung, dem Gefühl des All-Eins-Seins führen. Aber auch hier reicht das Spektrum von der absoluten Glückseligkeit bis hin zu einer bedrohlich empfundenen, angstvollen Ich-Auflösung. Umso wesentlicher ist hier die Zeit der Verarbeitung und Integration des Erlebten in einer stillen Nachwirkphase, die nicht zu kurz sein darf, damit Wertvolles nicht zerstört wird oder fragmentiert bleibt.

Die Rolle der Nachruhe

Bei Entspannungsprozessen wie Klangmassagen und Klangmeditationen braucht es am Schluss meist nur eine kurze Stillephase von 1 bis 3 Minuten Dauer, da der Prozess selbst genügend Raum für ein meditatives Erleben bietet. Dagegen ist bei einem transformativen Prozess immer eine längere Nachruhe von etwa 10 bis 30 Minuten – je nach Intensität des Prozesses – wichtig und gehört untrennbar zum Prozess selbst. Häufig geschehen sogar die wesentlichen Erfahrungen und Erkenntnisse während der Zeit der Nachruhe. Da transformative Prozesse sowohl durch ihre Stimulation eine aktivierende Wirkung besitzen, aber auch eine aktive körperliche Beteiligung (durch Atmen oder Bewegung) erfordern, kommen bestimmte hormonelle Prozesse im Körper in Gang. Beispielsweise werden in der Aktivierungsphase Adrenalin und Dopamin vermehrt produziert, was zu kraftvollem körperlichem Erleben führt. Am Ende des Prozesses jedoch wird das freigesetzte Dopamin in endogenes Morphium umgewandelt, ein Vorgang, der zu einem euphorischen Erleben führt, aber auch zu Zuständen von Glück und Verbundenheit. Wenn dies in der Ruhephase in eine Zeit der Stille eingebettet ist, kann dieses Erleben sehr bewusst und intensiv werden und in Erkenntnisse und Zustände der Verbundenheit führen. Daher ist es wichtig, diese Zeit der Nachruhe nicht vorzeitig zu unterbrechen. Auch können durch diese Phase eventuelle, problematische Themen, die aufgetaucht sind, zu einer Verwandlung kommen oder gar zu einer Lösung gelangen.

An diese Phase der Nachruhe kann eine zusätzliche Integrationsphase angeschlossen werden. Diese ist vor allem bei aufdeckenden, auflösenden und destabilisierenden Prozessen ratsam. Wie bereits beschrieben, geht es hier darum, den erlebten oder immer noch anhaltenden veränderten Bewusstseinszustand mit dem Alltagsbewusstsein zu verbinden. Diese Integration kann entweder durch gemeinsamen Austausch der Befindlichkeit oder auch durch künstlerisch-gestalterischen Ausdruck des Erlebten vollzogen werden. Dennoch ist es ratsam, darauf zu achten, dass es manchmal vorteilhaft ist, die gemachten Erlebnisse zunächst in sich wirken zu lassen, ohne sie vorzeitig zu verbalisieren und mitzuteilen. Denn jede Versprachlichung eines transrationalen Erlebens reduziert und begrenzt dieses in seiner Bedeutung, die sich oft erst unbewusst im Nachwirken über längere Zeit offenbart.

Methode Instrumente Prozessart Bewusstseins-modifikation Anwendungsdauer (ca. Min.) Nachruhe (ca. Min.)
Klangmeditation Klangschalen Entspannung Beruhigung, Presencing, Sensibilisierung 30-60 3-5
Klang-Pause bzw. Klangübung Zimbel, Klangschale Auflösend Distanzierend 1-5 keine
Klangmassage Klang-schalen Entspannung, Einzelsetting Körperkontakt, Beruhigung, Presencing, Sensibilisierung 30-60 3-5
Gongerleben leise Gong Entspannung Presencing, Sensibilisierung 15-20 5-10
Gongerleben laut Gong Destabilisierend, auflösend, evtl. aufdeckend Chaotisierung, Presencing, Restrukturierend 15-20 10-30
Gong-getaktete Atmung Gong transformativ, aufdeckend holotrope Zustände, Körperkontakt 30-60 20-30

Tabelle 1. Klangunterstützte Bewusstseinsprozesse und ihre Wirkweise, sowie Empfehlungen für Anwendungs- und Nachruhdauern. Diese Empfehlungen stellen lediglich Richtwerte dar, die individuell angepasst werden können.

Studienergebnisse

Zum Schluss seien noch einige vorläufige Studienergebnisse erwähnt, die das Erleben von Klangmeditationen, Klangmassagen, Autogenem Training (AT) und die Gong-unterstütze, getaktete 10-Sekunden Atmung (GA) miteinander vergleichen lassen. Hierbei zeigten sich bei Klangmeditation und AT ähnliche Werte bezüglich der Bedeutsamkeit der Erfahrung, dem Erregungsniveau und der Vitalisierung. Dagegen wurde die Klangmassage bei den Teilnehmenden als bedeutungsvollere Erfahrung eingestuft und die GA nochmals als bedeutsamer gewertet. Auch zeigte die GA ein, wie erwartet, höheres Aktivierungsniveau und das höchste Maß an veränderten Bewusstseinszuständen. Die Klangmassage zeigte dabei im Vergleich zu allen anderen Interventionen höhere Werte in der Vitalisierung, der Ausgeglichenheit und der Erfüllung im Erleben. Diese Ergebnisse zeigen die besondere Wirksamkeit von Klangmassagen, wobei zu beachten ist, dass die Klangmassage eine Einzelanwendung ist, wohingegen die anderen Interventionen im Gruppensetting durchgeführt wurden. Daher kann auch die direkte Beziehung zwischen Klanggebenden und Klient ein besonderer Wirkfaktor sein.

Fazit

Klänge bilden ein ideales Werkzeug zur Herstellung einer Bewusstseinsmodifikation. Dies kann, wie in der Klang-Pause bereits in wenigen Minuten geschehen, wobei Sitzungen von etwa einer Stunde entsprechend tiefere Wirkungen erzeugen. Wir haben gesehen, dass allein durch die Betrachtung des Klangcharakteristikums dessen mögliche Wirkung auf das Bewusstsein bereits gut begründet werden konnte. Und dennoch gibt es individuell große Unterschiede und je nach Persönlichkeitsstruktur, dem persönlichen Erfahrungshorizont und der augenblicklichen Verfassung können die Wirkungen sehr unterschiedlich sein. So können sanfte Klänge eine Entspannungsfunktion haben und können die Hörenden in einen achtsamen und meditativen Zustand versetzen, wobei die Aufmerksamkeit von kognitiven Gedankengängen hin zur nichtkonzeptionellen Klang- und Körperwahrnehmung geführt wird. Kräftigere Klänge mit Beteiligung des Körpers führen dagegen zu einer Aktivierung und können tiefere Prozesse mit veränderten Bewusstseinszuständen hervorrufen, die auch aufdeckender Natur sein können und damit die Klienten an Lebensthemen heranführen kann. Solche transformativen Prozesse brauchen die besagte Nachruhe, einer anschließenden Phase der Stille, die jedoch zum Prozess unverzichtbar hinzugehört und nochmals zu wesentlichem Erleben führen kann. Das in diesem Beitrag aufgezeigte Spektrum an Möglichkeiten zeigt das große und unschätzbare Potenzial von Klängen in der Bewusstseinsarbeit. Wir möchten daher alle einladen, sich diesem Potenzial zu öffnen, jedoch auch immer den notwendigen Respekt vor der Wirkmächtigkeit dieses kraftvollen Werkzeugs Klang zu bewahren.

Literatur

Hinterberger, T., Walter, N., Doliwa, C., Loew, T., (2019), “The brain’s resonance of breathing – decelerated breathing synchronizes heart rate and slow cortical potentials“, Journal of Breath Research. 13, 046003. https://doi.org/10.1088/1752-7163/ab20b2

Hinterberger, T., Baierlein, F. and Breitenbach, N. (2018). „Skin Conductance Feedback Meditation: Evaluation of a Novel Physiology-Assisted Meditation Style”, Complementary Medicine Research. 25:313-320. DOI: 10.1159/000489342

Loew, T. H., Leinberger, B., Hinterberger, T. (2017). „Entschleunigtes Atmen – Der kleinste gemeinsame Nenner der Entspannungstechniken“, Psychotherapie im Dialog, 18(04): 63 – 67. DOI: 10.1055/s-0043-118257

Leubner, D. & Hinterberger, T. (2017). “Reviewing the Effectiveness of Music Interventions in Treating Depression”, Front. Psychol. 8: 1109 (pp 1-21). doi: 10.3389/fpsyg.2017.01109

Autoren

Prof. Dr. Thilo HinterbergerProf. Dr. Thilo Hinterberger

ist Physiker, Neuro- und Bewusstseinswissenschaftler. Er leitet den Forschungsbereich Angewandte Bewusstseinswissenschaften in der Psychosomatischen Medizin am Universitätsklinikum Regensburg, welcher sich interdisziplinär mit Fragen des Bewusstseins beschäftigt. Seine Forschungsinteressen reichen von den Grundlagen des Bewusstseins, die Entwicklung von Gehirn-Computer Schnittstellen, die Untersuchung außergewöhnlicher Bewusstseinszustände bis hin zu Fragen in Bereichen Therapie, psychosomatischer Medizin und Spiritualität.

Dr. Christina KollerDr. Christina Koller

hat an der Fachhochschule Regensburg Soziale Arbeit studiert und an der Universität Bamberg über den „Einsatz von Klängen in pädagogischen Arbeitsfeldern,
dargestellt am Beispiel der Klangpädagogik nach Peter Hess“ promoviert. Sie ist langjährige wissenschaftliche
Mitarbeiterin am Peter Hess® Institut, Vorstandsmitglied des Internationalen Fachverbandes Klang-Massage-Therapie e.V. und Autorin.

Weiterführende Infos:

Vortrag Prof. Dr. Thilo Hinterberger, Klangkongress 2022Sehr interessante Einblicke zum Thema „Klang & Bewusstsein“ bieten auch zwei Vorträge, die Prof. Thilo Hinterberger bei den Online-Klangkongressen 2021 und 2022 gehalten hat. Die Vortragsaufzeichnungen sind als Video-on-demand erhältlich unter www.klangkongress.de

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