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Warum gerade Klangmassage auf einer Intensivstation?

von Gastautorin Gabriele Seidenath, Artikel erschienen in der Fachzeitschrift 10/2015 des Europäischen Fachverbands Klang-Massage-Therapie e.V.

Passen Klangmassagen zu einer sonst so hoch technisierten Intensivstation?
Diese Frage beschäftigt mich als Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin am HELIOS Amper- Klinikum Dachau, seit ich Peter Hess®-Klangmassagepraktikerin und Heilpraktikerin bin, also seit 2011.
Im Bereich der Intensivpflege und der Anästhesie bin ich nun schon seit mehr als 20 Jahren tätig, davon seit 13 Jahren in Dachau. Dort besteht eine Interdisziplinäre Intensivstation mit Innerer Medizin, Chirurgie, HNO, Neurologie, Gynäkologie sowie Urologie und mit insgesamt 16 Beatmungsplätzen.

Nach meiner Ausbildung zur Klangmassagepraktikerin war mir schnell klar, dass die Intensivpatienten und -patientinnen von der Klangmassage profitieren würden. Ich habe diese Gedanken auch meiner Pflegedienstleitung vorgetragen und konnte sie dabei schnell von der Sinnhaftigkeit eines Klangschalen-Einsatzes auf der Intensivstation überzeugen. Darüber hinaus durfte ich auch gleich Klangschalen für die Intensivstation bestellen. So begann ich im Januar 2012 auf der Intensivstation verkürzte Entspannungsklangmassagen für gestresste Intensivpatienten anzubieten.
Rasch stellte sich die Frage, welche Patienten in den Genuss von Klangmassagen kommen sollten. Schließlich kamen hierfür – alleine aufgrund ihrer schieren Menge – nicht alle Patienten in Betracht. Ich begann bei Patienten, die Stress und Orientierungslosigkeit (Delir) zeigten. Die Angehörigen, die ich in die geplante Anwendung einbezog, zeigten sich allesamt sehr offen und angetan. Auch interessierten sich viele Kolleginnen und Kollegen sowohl aus dem pflegerischen als auch aus dem ärztlichen Bereich für die Klanganwendung. Sie zeigten sich an schließend begeistert von deren Wirkung, denn gerade unruhige Patienten schliefen bei der Klangtherapie häufig ein.
Oft waren es Patienten im Delir, die trotz sedierender Medikamente tagelang unruhig und orientierungslos waren und mit denen sich der anfangs schwierige Umgang im Anschluss an die Klangentspannung signifikant besser gestaltete.
Die Intensivstation – ein Ort mit vielen Stressquellen für die Patienten
Egal ob die Wahrnehmungsstörung mehr oder weniger ausgeprägt ist: Durchgehend alle Patientinnen und Patienten sind auf der Intensivstation starkem Stress ausgesetzt. Nicht nur durch ihre Diagnose, die sie auf die Intensiv station geführt hat – etwa Krebs, Lungenembolie, akute Atemnot oder schwierige Operationen mit Teilresektionen von Organen und anschließender Nachbeatmung und Intensivtherapie, sondern auch durch die Umstände: vielfach werden Patientinnen und Patienten sehr kurzfristig als Notfall eingeliefert, sie konnten sich auf die neue Situation nicht bzw. nur sehr kurz einstellen. All dies bereitet dem Intensivpatienten ebenso Stress wie die oft lebensbedrohliche Situation und sein Kampf um Leben und Tod. Auch kommt es bei Patienten auf der Intensivstation – sehr häufig und umso mehr, je wacher sie werden – zu einer Reizüberflutung durch viele fremde Personen sowie laute Geräusche. Hinzu kommt, dass die Reizverarbeitung der Patienten nach ihren traumatischen Erlebnissen verändert ist.
Wahrnehmungsstörungen werden oft auch durch Luftkissenbetten gefördert, die häufig auf Intensivstationen eingesetzt werden, insbesondere um Dekubiti (Geschwüre durch liegen) zu vermeiden. Denn in diesen Betten verlieren die Patienten den Bezug zu sich und zu ihrem Körper sowie zur Umgebung. Dazu kommt noch der akustische Lärm sowie die Störung des Tag-Nacht-Rhythmus: Auf einer Intensivstation müssen nun einmal die Vitalfunktionen ständig überwacht werden, damit bei Veränderungen schnell eingegriffen werden kann. Dies geschieht auch und gerade durch akustische Signale. Die Patienten können aber ihre Ohren nicht einfach abschalten. Bei Umfragen nach einem Intensivaufenthalt berichten Patienten deshalb sowohl von sehr hohem und belastendem Lärm als auch vom hellen Licht, das auf einer Intensivstation häufiger brennt. Der Tag- und Nachtrhythmus wird ferner durch die nicht selten herrschende Hektik und die regelmäßigen Pflegemaßnahmen gestört.
Es ist also das Herausgerissen-Sein aus der gewohnten Umgebung, das Abhängig-Sein von Maschinen und fremden Personen sowie der Verlust der eigenen Autonomie, der bei vielen Patienten Stress entstehen lässt.
Negative Auswirkungen von Stress
Egal wodurch Intensivpatienten Stress haben, immer hat er starke Auswirkungen auf sie, auf ihre Organe und insbesondere auf ihre Atmung, denn Atmung und Stress hängen ganz eng zusammen. Durch Stress kann es beispielsweise zur Tachypnoe kommen, also zur beschleunigten Atmung und damit häufig zu einer geringeren Belüftung der Lunge im unteren Bereich. Auch fehlt die Bauchatmung, was die Sauerstoffsättigung des Blutes merklich mindert. Aber nicht nur auf die Atmung hat Stress negative Auswirkungen: Im Stress kommt es meist zusätzlich auch zur schlechteren Durchblutung im Bauchbereich. Medizinischer Hintergrund hierfür ist, dass die glatte Darmmuskulatur ( Peristaltik) durch das autonome Nervensystem und insbesondere den Parasympathikus aktiviert und gesteuert wird.
Da in einer Entspannungsphase der Parasympathikus aktiv ist, steigert dies die Darmtätigkeit, d.h. der Patient hat weniger Probleme mit Obstipation (Verstopfung). Und diese Probleme sind auf der Intensivstation häufig anzutreffen, da hier Entspannung so schwer möglich ist. In der Gallenblase kann es zu einer Gallenabflussstörung kommen, die sich manchmal in Form einer so genannten Stressgalle manifestiert. Stress hat aber auch nachteilige Folgen für das Herz- Kreislaufsystem, denn durch eine vermehrte Adrenalin- und Cortisol- Ausschüttung steigt der Blutdruck an und die Gefäße ziehen sich zusammen. Geschwächt wird zudem das Immunsystem, was die Genesung ebenfalls beeinträchtigt.
Klangmassagen auf der Intensivstation können nun die Stress-Symptomatik der Patienten reduzieren, sie entspannen und gleichzeitig deren Wahrnehmung verbessern. Die Entspannung wirkt sich in vielerlei Hinsicht positiv aus, vor allem auch auf die Atmung. Eine entspannte Atmung ist wiederum wichtig, um die Patienten leichter von der Beatmungsmaschine abtrainieren zu können.
Erfassung von Patienten vor und nach einer Klangentspannung
Um festzustellen, ob und wie Klangmassagen wirken, habe ich einen Erfassungsbogen entworfen, der die verschiedenen Vital-Parameter der Patienten vor und nach einer Klangmassage erfasst. Veränderungen durch die Intervention werden so leicht sichtbar. Seit 2012 ist auf diese Weise die Wirkung von Klangentspannung bei mehr als 70 Patienten dokumentiert worden.
Auf dieser Grundlage lässt sich bereits jetzt sagen, dass sich bei rund 70 Prozent der beobachteten Patienten eine messbare, positive Veränderung in ganz unterschiedlichen Bereichen eingestellt hat. Auswirkungen waren beispielsweise gut bei der Atemfrequenz zu beobachten, ebenso beim Atemzugvolumen (CPAP), beim Blutdruck, der Herzfrequenz, der Sauerstoffsättigung. Zudem war bei einer hohen Anzahl unruhiger Patienten zu beobachten, dass diese durch das Klangangebot ruhiger geworden oder sogar eingeschlafen sind. Die signifikante Entspannung hat zudem dazu geführt, dass die Patienten anschließend Pflegemaßnahmen besser toleriert haben.
Durchführung von Klangmassagen auf der Intensivstation
Auf der Intensivstation können Klangmassagen nur selten in klassischer Form durchgeführt werden. Viele der Intensivpatienten hatten eine Bauch-Operation, schon deshalb kann keine Klangschale auf dem Bauch der Patienten platziert werden. Meist werden die Schalen daher neben den Körper der Patienten gestellt. Auf diese Weise entsteht um sie herum ein Klangraum. Dieser Klangraum unterstützt den Patient dabei, in eine Entspannung zu finden. Die störenden Geräusche treten in den Hintergrund, Entspannung kann mit all den gewünschten Folgen eintreten.
Da ein Klangangebot bei Intensivpatienten in den zeitlichen Rahmen des Intensivablaufes integriert werden muss, dauert sie meist nicht sehr lange, in der Regel zwischen 5 und 15 Minuten. Oft ist aber schon nach ein paar Anschlägen der Schale eine Veränderung sowohl am Patienten als auch am Monitor beobachtbar.
Hierzu ein Beispiel aus der Praxis:
Frau R. lag schon ein paar Wochen auf der Intensivstation, nach einer Pankreas-Teilresektion sowie mit einer Pneumonie bei chronischer Alkoholerkrankung.
Sie musste längere Zeit beatmet bleiben, da wegen ihrer Lungenentzündung das Atemzugvolumen recht gering war. Sie war kurzatmig und folglich lagen ihre Blutgas-Werte außerhalb des Normbereichs. Da Frau R. insgesamt sehr unruhig war, fiel es einerseits schwer, sie von der Beatmungsmaschine abzutrainieren, andererseits musste sie mit Medikamenten sediert werden: Sie erhielt eine hohe Dosis eines Mix aus drei verschiedenen sedierenden Medikamenten.
Unter diesen Vorzeichen habe ich bei Frau R. in meinem Spätdienst eine Klangmassage durchgeführt. Da die Patientin einen Bauchschnitt hatte, konnte ich ihr keine Schale auf den Bauch legen. Auch in der Reichweite ihrer Hände und Füße konnte ich keine Schalen aufstellen, wenn sich Frau R. unruhig bewegte. Also stellte ich bei ihr einen Klangraum her, indem ich ihr die Universal- und Herzschalen rechts und links von den Schultern und die Beckenschale zwischen ihren Füßen platzierte. Langsam und ruhig begann ich die Schalen anzuklingen. Nach rund 5 Minuten merkte ich, wie Frau R. ruhiger wurde und auch langsamer und tiefer atmete. Ihr Blutdruck ging etwas zurück, sie wurde entspannter und bewegte sich weniger. Gleichwohl führte ich die Klangmassage noch weitere 10 Minuten fort, insgesamt also 15 Minuten.
Im Anschluss atmete Frau R. an der Beatmungsmaschine leichter, sie presste nicht so sehr dagegen wie noch zuvor. Insgesamt war sie nicht mehr so unruhig.
Am nächsten Tag hat mir meine Kollegin berichtet, dass Frau R. auffallend leichter zu führen war und ihre Dreifachsedierung weitestgehend reduziert werden konnte. Frau R. wurde wacher und klarer.
Fazit:
Der Einsatz von Klangschalen ist eine hilfreiche und zusätzliche Unterstützung in der Intensivmedizin. Gerade wenn Patienten noch nicht ganz klar und wach sind, wirken Klangangebote für sie in besonderer Weise unterstützend und segensreich.
Klangmassagen wirken auch und gerade bei Intensivpatienten sehr positiv: Sie entspannen, nehmen Stress und Ängste und aktivieren die Wahrnehmung der Patienten. Die Atmung wird tiefer und ruhiger, Tachypnoe (über-höhte Atemfrequenz) wird abgebaut. Die Dosis sedierender Medikamente kann reduziert werden, dies fördert die Genesung. Auch die Pflegemaßnahmen können deutlich entspannter durchgeführt werden, wovon natürlich auch die Pflegepersonen profitieren. Patienten können schneller von der Intensivstation in eine Normalstation verlegt werden.
Einen weiteren Bericht zum Einsatz der Klangmassage auf der Intensivstation aus Österreich finden Sie hier…
Gabriele Seidenath ist seit 1994 Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin und arbeitet seit 2002 (in Teilzeit) auf der Intensivstation des HELIOS Amper-Klinikums Dachau. Seit 2011 setzt sie dort mit großem Erfolg Klangangebote ein und berichtete immer wieder als Referentin bei Fachkongressen über die „Klangmassage bei Intensivpatienten“. Sie ist Gastdozentin an der Fachakademie Schönbrunn und unterrichtet dort in der Kranken- und der Altenpflegeausbildung den Bereich komplementäre Methoden in der Pflege sowie Intensivpflege und Umgang mit Palliativpatienten.
Als Heilpraktikerin und Peter Hess®-Klangmassagepraktikerin ist sie zudem in München- Schwabing in eigener Praxis tätig. Dort arbeitet sie seit längerem mit komplementären Methoden, unter anderem mit Fußreflextherapie und Ohrakupunktur und eben auch sehr viel mit Klangmassagen. Sie leitet Kurse zur Gesundheitsprävention bei Krankenkassen.

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