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Klangmassage auf der Intensivstation

von Gastautor Harald Titzer, erschienen in der Fachzeitschrift „Entwicklung und Forschung 09/2014“ des Europäischen Fachverbands Klang-Massage-Therapie e.V.

Als ganzheitliche Entspannungsmethode kann die Klangmassage auch auf einer Intensivstation ein wertvoller Gegenpol zum oft belastenden Klinikalltag sein, wie folgender Bericht zeigt.

Als Gesundheits- und Krankenpfleger auf der Intensivstation 13i2 des AKH Wien biete ich unseren Patienten seit November 2008 die Peter Hess-Klangmassage zur Entspannung und Stressreduzierung an.

Die Intensivstation 13i2 des AKH Wien ist eine allgemeine Einrichtung der Universitätsklinik für Innere Medizin I, die die klinischen Schwerpunkte „Onkologie“, „Hämatologie und Hämostaseologie“ sowie „Infektionen und Chemotherapie“ abdeckt. Das Angebot der Intensivstation umfasst dabei vor allem zwei Hauptaufgaben; 1. die künstliche „Organersatz-Therapie“ („life-support“) bei akut auftretenden lebensbedrohlichen Organversagen und 2. das Monitoring von Patienten mit grenzwertiger Organfunktion. D.h. die Patienten werden während einer kritischen bis lebensbedrohlichen Krankheitsphase aufgenommen. Oftmals folgt nach der Stabilisierung des kritischen Zustandes ein längerer Aufenthalt, wobei die Patienten in ihrem Wohlbefinden stark beeinträchtigt sind.

Mein Angebot richtet sich dabei ausschließlich an solche Patienten, die wach, also bei Bewusstsein sind. Oft sind es Menschen, die nach einem künstlichen Tiefschlaf noch beatmet werden und erst wieder zu Kräften kommen müssen. Gerade in dieser Phase der Erkrankung benötigen sie viel Zuwendung, Motivation und Ansporn durch die Pflegekräfte, um wieder eine akzeptable Lebensqualität zu erlangen.

Akustischer Stress gehört zum Alltag einer Intensivstation

Die Intensivstation 13i2 teilt sich in drei Zimmer mit insgesamt acht Betten auf. Die Arbeitsgeräusche des Pflegepersonals sowie die zahlreichen medizinischen Überwachungs- und Therapiegeräte, die regelmäßig Alarm auslösen, prägen die akustische Atmosphäre auf der Intensivstation. Hinzu kommt, dass viele Patienten in so genannten Weichlagerungssystemen gelagert werden müssen. Diese Systeme verursachen durch Motoren und Gebläse zusätzlich ein kontinuierliches maschinelles Geräusch, so dass ein relativ hoher Geräuschpegel vorherrscht. D.h. die ohnehin schon sehr belastende Situation einer lebensbedrohlichen Erkrankung wird durch den akustischen Stress zusätzlich verstärkt – wobei die Lärmbelastung natürlich nicht nur die Patienten, sondern auch das Pflegepersonal betrifft.

Therapie-/Angebote zur Steigerung des Wohlbefindens der Patienten

Das Gehör, das nicht wie die Augen „ausgeschaltet“ werden kann, ist einer Dauerbelastung ausgesetzt, die sich auf Kreislaufsystem, endokrines System und vor allem auch den Schlaf der Patienten auswirkt. Es ist wissenschaftlich belegt, dass ein Aufenthalt auf einer Intensivstation als sehr stressbehaftet von den Patienten empfunden wird und aus dem Grund stetig versucht wird neue stressreduzierende Methoden anzuwenden, die einen Klinikaufenthalt angenehmer verlaufen lassen. Hierzu zählt auf unserer Station z.B. auch die Musiktherapie, die von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien angeboten und von den Patienten dankend und mit großer Freude angenommen wird. Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass Bach, Mozart & Co positive Einflüsse auf die Patienten haben, wobei die Auswirkungen nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf den Krankheitsverlauf belegbar sind. Musik, v.a. auch life dargebotene Musik, soll im Rahmen der Musiktherapie zudem helfen, Ängste abzubauen und wieder Hoffnung schöpfen zu können. Methoden wie die Peter Hess Klangmassage können hier ebenfalls ein wertvolles Angebot zur Stressminderung und Entspannung darstellen.

Klangmassage-Angebot auf der Intensivstation

So kam es, dass ich im November 2008 der Leitung meiner Station von der Idee berichtete, unseren (wachen) Patienten die Klangmassage anzubieten.

Ich stieß spontan auf große Zustimmung und bekam sowohl von Seiten der ärztlichen als auch von Seiten der pflegerischen Leitung Unterstützung. Um auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit zu fördern, hielt ich im Dezember 2008 einen Vortrag, in dem ich die Grundlagen der Peter Hess- Klangmassage und meine Vorhaben vorstellte. Ich konnte die Kollegen des Pflegeteams sowie die Physiotherapeut/ Innen davon überzeugen und wir planten die Zusammenarbeit.

In Absprache mit der Stationsleitung führe ich die Klangmassagen meistens im Rahmen meiner Dienstzeit durch. Aufgrund des festgelegten Tagesablaufes im Alltag einer Intensivstation ist es für mich, als einzigen ausgebildeten Peter Hess-Klangmassagepraktiker der Station, nicht ganz einfach, den perfekten Zeitpunkt für die Klangmassage zu finden. Die erste Tageshälfte beinhaltet i.d.R. Therapien, Behandlungen und Untersuchungen und am Nachmittag findet die Besuchszeit statt. Im Laufe der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass der Zeitraum zwischen Ende der Besuchszeit und Dienstende, also zwischen 16.00 und 18.00 Uhr, sowohl für mich als auch die Patienten ideal ist. In dieser Zeitspanne bleibt für mich genügend Spielraum, um mich und die Patienten auf die Klangmassage vorzubereiten, die dafür notwendigen Klangmaterialien bereitzustellen und auch meine Kollegen zu informieren.

Wie bereits beschrieben, herrscht in den meist voll belegten Zimmern ein hoher Lärmpegel vor. Zudem stellen die begrenzte Raumgröße und die an den Nachbarbetten anfallenden Arbeiten eine zu bewältigende Schwierigkeit dar.

Die meisten Patienten liegen für die Klangmassage in Rückenlage, da eine Bauchlage auf Grund des Monitorings und der Beatmung nicht möglich ist. Die Klangmassage findet nach dem von Peter Hess gelehrten Ablauf statt, allerdings beschränke ich sie auf 30 Minuten. Um Hygienerichtlinien zu berücksichtigen, wird der Patient mit einer dünnen Decke zugedeckt.

Die Klangschalen werden auf dem bekleideten und zugedeckten Patienten positioniert, die Schlägel liegen am Beistelltisch. Die Reinigung der Klangschalen nach der Massage ist mit einem stationsüblichen Flächendesinfektionsmittel problemlos möglich.

Wie bei der regulären Klangmassage steht auch den Patienten eine Zeit zum Nachspüren und der Nachruhe zur Verfügung. Anschließend folgt das obligatorische Nachgespräch und gemeinsam wird ein Evaluierungsbogen ausgefüllt. In diesem Gespräch können die Patienten ihre Wünsche, Beschwerden, Gefühle, Anregungen und Emotionen zum Ausdruck bringen. Die Kommunikation mit den Patienten erfolgt dabei oft nonverbal, da die meisten Patienten eine Tracheotomie (= Luftröhrenschnitt) erhalten und i.d.R. nicht sprechen können. Die Kommunikation erfolgt dann meist mittels einer Buchstabentafel oder durch Lippenlesen. Für ungeübtes Personal kann auch dies schwierig werden. Umso wichtiger ist es also, sich Zeit für die Patienten zu nehmen.

Um den Patienten Sicherheit zu vermitteln, erkläre ich ihnen vor der ersten Klangmassage den Ablauf Schritt für Schritt.

Dokumentation und Evaluation des Klangmassage-Angebotes

Um das Angebot und seine Wirkung einheitlich zu dokumentieren, entwickelte ich einen nicht-standardisierten Fragebogen.

Die Befragung gliedert sich in 6 Bereiche. Im 1. Bereich werden die soziodemographischen Daten, wie Alter und Geschlecht, sowie die Art der Erkrankung und die Beatmungstage erfasst. Der 2. Bereich stellt allgemeine Fragen zur Klangmassage und wird, wie auch der 3. und 4. Bereich, unmittelbar nach Beendigung des Angebotes gemeinsam mit dem Patienten ausgefüllt. Der 3. Teil stellt Fragen zum Wohlbefinden während der Klangmassage. Die Bereiche 4.-6. Teil erfasst Aussagen, die sich auf Veränderungen durch die Klangmassage beziehen. Dabei wird unterschieden zwischen den Aussagen unmittelbar nach der Klangmassage (Teil 4), der Beantwortung derselben Fragen eine Stunde nach der Klangmassage (Teil 5) sowie noch einmal zwei Stunden nach der Klangmassage (Teil 6). Die Fragen der Teile 4-6 gestalten sich wie nachfolgend dargestellt.

Über die Patienten-Aussagen hinaus dokumentiere ich auch mein subjektives Empfinden und Befinden als Peter Hess-Klangmassagepraktiker.

Ergebnisse

Diese Ergebnisse der nicht-standardisierten Dokumentation sollen erste Hinweise für gezielte Fragestellungen geben. Insgesamt konnten bislang 10 Patienten mit der Klangmassage begleitet werden. Die Bewertung der Fragen (vgl. Abb. 1) aus dem Teil 4-6 kann wie folgt zusammengefasst werden:

Nachhaltige Wirkung trotz seltener Anwendungsmöglichkeit

Hinsichtlich der Häufigkeit der Klangmassage sind der Zustand der Patienten und der Zeitfaktor bestimmend. Oft ist es nur kurzfristig möglich festzulegen, wann und wie oft eine Klangmassage erfolgen kann. Wünschenswert wäre es, täglich oder jeden zweiten Tag eine Klangmassage anbieten zu können. Leider ist dies jedoch aufgrund der personellen Kapazitäten derzeit nicht möglich. Die Dokumentation der bisherigen Fälle zeigt jedoch, dass die Wirksamkeit der Klangmassage auch nach längeren Abständen zwischen den Massagen immer noch vorhanden ist und die Patienten auch trotz der längeren Abstände von diesem Angebot profitieren. Hierin finden sich Parallelen zu der vom Europäischen Fachverband Klang-Massage-Therapie e.V. in Kooperation mit dem Institut Dr. Tanja Grotz durchgeführten Studie, in der die Wirkung von 5 wöchentlich durchgeführten Peter Hess-Basis- Klangmassagen auf Stressverarbeitung und Körperbild von „gesunden“ Erwachsenen untersucht wurde (vgl. Koller/Grotz S. 20 ff).

Fallbeispiel

Anhand des nachfolgenden Beispiels möchte ich die Wirksamkeit einer Klangmassage auf die Patienten, das Umfeld und mich persönlich beschreiben:
Es handelt sich um einen 43 Jahre alten männlichen Patienten der auf Grund einer Lungenfibrose im Krankenhaus aufgenommen werden musste. (Eine Lungenfibrose ist eine Erkrankung des Lungengewebes. Sie ist gekennzeichnet durch eine verstärkte Bildung von Bindegewebe zwischen den Lungenbläschen und den sie um-gebenden Blutgefäßen.) Sein Zustand verschlechterte sich rapide und forderte invasive intensivmedizinische Maßnahmen.

Ebenso musste er an eine Herz-Lungenmaschine angeschlossen werden. Er benötigte dringend eine neue Lunge, da die Therapie an dieser Maschine sehr komplikationsreich ist und daher nur von kurzer Dauer stattfinden kann. Die Familie des Patienten bangte um sein Leben. Nach kurzer Zeit stand glücklicherweise eine Lunge zur Transplantation zur Verfügung. Die Operation fand auf schnellstem Wege statt. Eine Lungentransplantation erfordert einen langen und schweren Genesungsweg und so verbrachte der Patient noch eine lange Zeit auf unserer Station. Als er sich langsam auf dem Weg der Besserung befand, er einen nahezu normalen Schlaf und Wachrhythmus hatte, aber noch beatmet werden musste, schlug ich ihm vor, eine Klangmassage zur Entspannung und zur Erlangung von Wohlbefinden in Anspruch zu nehmen.

Ich erklärte ihm und seiner Familie die Klangmassage. Ich zeigte dem Patienten die Klangschalen und ließ ihn die Schalen auf der Hand spüren. Er war sofort interessiert und kurz darauf vereinbarten wir einen Termin für die 1. Klangmassage.

Ich bereitete alles vor, erklärte ihm noch einmal den Ablauf der Massage. Dann führte ich die Klangmassage in einer gekürzten Version und in Rückenlage durch. Währenddessen konnte ich in seinem Gesicht nach kurzer Zeit Anzeichen der Gelassenheit und Entspannung feststellen. Die Atemkurven am Beatmungsgerät zeigten mir, dass er tiefer und regelmäßiger atmete und innerhalb weniger Minuten war er eingeschlafen. Dies gab mir ein gutes Gefühl und ich musste lächeln. Im selben Moment kam eine Ärztin in den Raum, die mir sehr interessiert und ebenso mit einem Lächeln im Gesicht zusah. Ich bemerkte, dass die Klänge auch die anderen sich im Raum befindlichen Personen berührten und ihnen ein angenehmes Gefühl vermittelten. Die Ärztin hat die Situation im Nachhinein wie folgt beschrieben:
„Als ich den Raum betrat, hörte ich nichts anderes als das gewöhnliche laute Surren der Bettmotoren. Am Nachbarbett stehend, vernahm ich plötzlich die leisen Klänge der Schalen, von denen ich im ersten Moment gar nichts wusste. Als ich auf die gegenüberliegende Seite blickte, sah ich Harald bei der Klangmassage. Ich wusste von seinem Vorhaben und war erfreut, ihn dabei beobachten zu können. Ich stellte mich ans Bettende und lauschte für einen Moment den Klängen und konnte sehen, wie sich der behandelte Patient dabei entspannte. Leider hatte ich nicht genug Zeit, um bis zum Ende zu bleiben, aber ich wusste, dass es dem Patienten und auch mir als Außenstehende gut tut.“

Nach 30 Minuten beendete ich die Massage und der Patient wachte langsam wieder auf. Im Feedback gab er mir zu verstehen, dass er sich sehr gut entspannen konnte, die Vibration der Klangschalen und die Klänge auf und um seinen Körper empfand er als sehr angenehm und beruhigend. Er schüttelte mir mit einer noch nie zuvor dagewesenen Kraft die Hand und bat mich, ihm bald wieder eine Klangmassage zu geben. Der Patient erhielt noch drei weitere Klangmassagen. Danach wurde er bald vom Beatmungsgerät entwöhnt und auf eine Normalstation entlassen.

Ausblick

Mich persönlich motivieren dieses und andere Erlebnisse, denn sie verdeutlichen mir, dass sich der Klang der Klangschalen in jeder Situation – auch auf der Intensivstation – positiv auf Körper und Geist auswirkt. Ich möchte unseren Patienten weiterhin die Möglichkeit geben, Klangmassagen in Anspruch zu nehmen. Gerade in der heutigen Zeit ist jeder Patient, jede Patientin und ebenso jeder Mitarbeiter einer Klinik für sinnvolle Abwechslung im Alltag und im Stationsleben dankbar. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die Peter Hess-Klangmassage eine wirkungsvolle Methode der Stressreduktion im oft belastenden Krankenhausalltag darstellt, die relativ einfach und doch sehr effektiv zum Einsatz kommen kann. Sie trägt nicht nur zum Wohlbefinden des jeweiligen Patienten bei, sondern erreicht auch die Mit-Patienten im Raum sowie das anwesende Pflegepersonal auf positive Weise.

Wenn Sie ein Video zum Einsatz der Klangmassage in der Intensivmedizin sehen wollen, klicken Sie hier…

Einen weiteren Fachartikel zum Einsatz der Klangschalen auf der Intensivstation finden Sie hier….

Harald Titzer ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger und arbeitet seit 2007 auf der Intensivstation 13i2 des AKH Wien. Seit 2008 bietet er als ausgebildeter Peter Hess-Klangmassagepraktiker diese Methode den dortigen Patienten zur Entspannung an.

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