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Klangmassage auf der Intensivstation für Früh- und Neugeborene

Eine schwingende Form der Kommunikation

ein Artikel über Klangmassage für Neugeborene von Gastautorin Uta Altmann, Artikel erschienen in der Fachzeitschrift 12/2017 des Europäischen Fachverbands Klang-Massage-Therapie e.V.

Klänge und Schwingung

Musik ist erste und universale Muttersprache. Klänge und Rhythmen umgeben bereits den Embryo, Musik ist ein Medium frühester Kommunikation. Man kann sich die Welterfahrung des Ungeborenen und des Säuglings in Dämmerund Schlafmomenten als schwingungsmäßige Erfahrung vorstellen.” (Monika Renz, 2009)

Der Hörsinn zählt, neben dem Tastsinn, zu den am frühesten ausgebildeten Sinnen im Körper. Schon im Mutterleib dient das Hören der Orientierung und Wahrnehmung. So kann das noch Ungeborene etwa ab der 22. Schwangerschaftswoche die Stimme der Mutter über das Hören aufnehmen. Mit zahlreichen anderen Klängen und Rhythmen bildet sich so eine harmonische, Vertrauen schaffende Umgebung, eine erste Form von Kommunikation. Sehr ähnlich verhält es sich mit dem Tastsinn. Auch hier werden die ersten Erfahrungen von Orientierung als Schwingung spürbar. In den ersten Lebensmonaten nach der Geburt ist Berührung für die Kinder essentiell. So wirkt sich nachweislich der intensive und regelmäßige Körperkontakt positiv auf die Entwicklung des Kindes und die Eltern-Kind-Bindung aus.

Die Klangmassage knüpft an diese Entwicklungserfahrung an, indem Schwingung erlebbar wird. Schwingungen können sichtbar werden. Jeder kennt die sich ausbreitenden Kreise, die ein ins Wasser geworfener Stein an der Oberfläche zeichnet. Größer und größer werdend laufen diese Wellen sanft am Ufer aus. Bei einer Klangmassage ist dies ähnlich. Der menschliche Körper besteht zu etwa 70 Prozent aus Wasser. Werden Klangschalen auf dem Körper positioniert und sanft angeklungen, so können wir ihren harmonischen Klang hören und ihre feinen Schwingungen spüren. Die Schwingung breiten sich nach und nach im gesamten Körper immer weiter aus – sie bringen sozusagen die inneren Gewässer in Bewegung. Die harmonischen, obertonreichen Klänge vermitteln Gefühle von Vertrauen und Geborgenheit. Loslassen wird erleichtert, der Zugang zu Ressourcen, Regeneration und Vitalisierung kann geschehen. Dies erklärt, warum die Klänge ein ideales Medium für die Arbeit mit Früh- und Neugeborenen sind – knüpfen sie doch an die ersten Erfahrungen an, wie sie oben beschrieben wurden.

Klänge bringen neue Impulse und Bewegung in das Leben. Klänge berühren auf besondere Weise Körper, Geist und Seele. Diese und ähnliche Aussagen höre ich oft, wenn ich mich mit anderen Klanginteressierten und Klangmassagekollegen unterhalte. Und ich kann es bestätigen: Es stimmt! Ich bin als Krankenschwester am St. Franziskus Hospital in Münster beschäftigt. Durch meine Qualifizierungen im Bewegungs- und Entspannungsbereich habe ich für einige Zeit Entspannungskurse für die Mitarbeiter angeboten – kombiniert mit Klangschalen.

Nach einem dieser Kurse (2010) sprach mich eine Teilnehmerin an, die auch als Fachkrankenschwester auf der Intensivstation für Früh- und Neugeborenen tätig ist. Sie wollte wissen, ob ich mir vorstellen könnte, die Klangmassage in die Neonatologie zu bringen. Erste Erfahrungen mit einer Musiktherapeutin, die Klänge im Rahmen ihrer musiktherapeutischen Ausbildung angeboten hatte, wurden vom gesamten Team als sehr positiv beschrieben und sollten nun weitergeführt werden. Da stand ich nun mit meinen Klangschalen und einem Angebot, das völlig neu für mich war. Wow! Klänge bringen in Bewegung…. Ich nahm diese Anfrage schließlich sehr gerne an und brachte so die Klangschalen auf die neonatologische Station des St. Franziskus-Hospitals.
Zu Beginn stellte ich in praxisorientierten Inforunden und Entspannungseinheiten die Klangschalen dem Pflege- und Ärzteteam vor. So konnten sie die Wirkung der Klänge selbst erleben, was zu einer positiven Grundstimmung gegenüber meinem Angebot führte. Nun konnte ich starten.

Wie kommen nun die Klänge zu den Kindern?

In den meisten Fällen sind es Frühchen (ca. ab der 23. Schwangerschaftswoche), die ich mit den Klangschalen begleiten darf. Sobald die Vitalparameter (Atmung, Herzfrequenz, Körpertemperatur) der Kinder stabil genug sind, werden die Babys zum Känguruhen (Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen Eltern und Kind) aus dem Inkubator (Brutkasten) herausgenommen. Ab diesem Zeitpunkt kann ich auch mit der Begleitung durch die Klänge beginnen. Gerade bei sehr unreif geborenen Kindern sind die Atmung und die Herzfrequenz sehr sensibel. Sollte ein Kind in diesen Bereichen zu instabil sein, ist dies eine Kontraindikation für eine Klangmassage. In den sieben Jahren, in denen ich mit den Klängen auf der Neonatologie unterwegs bin, habe ich dies nur dreimal erlebt.

Meistens kommt die Idee für ein „Klangkind“ von den Pflegekräften. Sie können durch die intensive Betreuung der Frühchen sehr gut einschätzen, welches Kind Unterstützung, Entspannung oder Begleitung braucht. In einigen Fällen geht es auch ganz konkret um die Stärkung der Eltern- Kind-Bindung, die für das gute Ankommen im Leben (Urvertrauen) so wichtig ist. Manchmal sprechen mich auch Eltern direkt an, nachdem sie die Klangmassage im Zimmer gesehen oder auch ganz leise gehört haben und es so schön fanden, dass sie sich dieses Angebot auch für ihr Kind wünschen. Nach Rücksprache mit den Ärzten und dem Einverständnis der Eltern ist der Weg frei für die Klangmassage bzw. das Klangangebot.

Mein Klangangebot

Vor dem eigentlichen Klangangebot hole ich mir von den zuständigen Pflegekräften relevante Informationen zu dem Kind. Dabei sind für mich medizinische Informationen und Parameter ebenso wichtig wie der soziale Hintergrund des Kindes. Hier interessiert mich vor allem: Können sich die Eltern um das Kind kümmern? Wie oft kommen sie ihr Kind besuchen? Wie stark ist die Bindung zwischen Eltern und Kind? Wie gehen sie mit der besonderen Situation um?

Alle diese Informationen fließen in mein Klangangebot ein. Das Klangangebot erfolgt während des Känguruhens. Eingekuschelt und geborgen in die Arme und Hände der Eltern erleben die Kinder während dieser Zeit ein Stück weit vertraute Umgebung durch den Kontakt mit Körperwärme, Geruch, Atmung, Stimme. Es ist wie eine kleine geschützte Insel, umgeben von all den technischen Geräten wie Inkubator, Monitor, Beatmungsmaschine, vielen Kabeln, den piepsenden und sirrenden Geräuschen des Equipments und den Bewegungen und Stimmen der anderen Menschen im Zimmer.

Wenn ich neu zu einem „Klangkind“ und dessen Eltern komme, stelle ich mich und mein Angebot erst einmal vor. Ich erzähle von den Klängen, lasse die Eltern auch schon einen ersten Klang auf der Hand spüren. Ich schaue, dass die Eltern wirklich bequem im Liegestuhl sitzen können und vereinbare ein Rückmeldesystem, wenn sie mir während der Klangmassage etwas mitteilen möchten. Dieser vertrauensvolle erste Kontakt ist eine wichtige Basis. Wie ich die Klangschalen während des Angebotes einsetze, hängt immer von den aktuellen Gegebenheiten ab. Sehr oft biete ich um das Kind herum einen Klangraum aus zwei bis drei verschiedenen Klangschalen.

Bei reif geborenen, normal gewichtigen Kindern stelle ich die Klangschale, gehalten auf meinem Handteller, auch auf das Kind auf. Oft stelle ich auch den Eltern eine Klangschale auf den Körper. So kann ich sie ganz direkt mit in das Klangangebot einbinden und auch als „Resonanzraum“ nutzen. Die Klänge übertragen sich auf ihren Körper und darüber auf das Kind, das geborgen in ihren Armen liegt. Mein übergeordnetes Anliegen ist es, den Kindern mit den Klängen das Ankommen in der Welt zu erleichtern, ihnen die Erinnerung an Geborgenheit und eine schwingungsmäßige positive Erfahrung mitzugeben. Die Eltern möchte ich in dieser besonders herausfordernden Zeit unterstützen, sie mit ihrer Kraft, ihrem Vertrauen und ihren Ressourcen verbinden, mit der Idee, die bestmögliche Verbindung für sich und ihr Kind zu schaffen.

Mein „Klangkind“ Lia

Lia wurde als Frühgeburt in der 26. Schwangerschaftswoche mit 600 Gramm geboren. Sie ist etwa vier Wochen, als wir den ersten Kontakt zueinander haben. Sie ist für ihre Verhältnisse mit ihren Vitalparametern stabil, hat ein sehr gutes soziales Umfeld und braucht nun einfach Zeit, um zu wachsen und an Gewicht ordentlich zuzulegen.

Die zuständigen Pflegekräfte bitten mich um das Klangangebot, um dem Kind und der Mutter, die langsam einen „Krankenhauskoller“ bekommt, etwas Gutes zu tun. Für die Klangmassage wird Lia von der zuständigen Pflegekraft aus dem Inkubator herausgehoben und der Mama zum Känguruhen auf den Oberkörper gelegt. Ich nehme leicht seitlich gegenüber von Kind und Mama Platz, meine Klangschalen stehen mit etwas Entfernung auf einem kleinen Wagen, so habe ich genügend Abstellfläche und kann frei arbeiten. Frau N. ist meinem Angebot und mir gegenüber sofort sehr aufgeschlossen und froh über diese Möglichkeit.

Hinein in die Geräuschkulisse des Zimmers beginne ich sanft die erste Klangschale anzuklingen. Die Töne und Schwingungen breiten sich sehr leise und dezent aus. Mit den ersten Klängen ist es ein Herantasten, wie das Kind, in dem Fall Lia, darauf reagiert. Bei der Kleinen kann ich innerhalb kürzester Zeit eine sehr tiefe Entspannung beobachten – am Überwachungsmonitor an der langsameren Herzfrequenz zu erkennen und an der vertieften Atmung. Die kleinen Händchen öffnen sich mehr und mehr, das Gesicht wird ganz zufrieden und gelöst.

Eine weitere Schale kommt dazu, die ich bei Lias Mama auf den Knien platziere. Lia kann sich innerhalb weniger Minuten ganz wunderbar von den Klängen entspannen und berühren lassen. Das wiederum hat auch eine Wirkung auf die Mama. Frau N. ist so glücklich, ihr Kind so zufrieden zu sehen. Auch sie findet die Töne sehr wohltuend, entspannend – es ist wie eine „Klanginsel“ zwischen all den Geräuschen und der belastenden Situation mit der Sorge um das Kind. Ein Stück weit „heile Welt“, ein Moment lang nur der intensive, ganz berührende Kontakt zwischen Mama und Kind.

Nach etwa 20 Minuten beende ich mein Klangangebot und bleibe einfach noch einen Moment in Stille bei Mama und Kind sitzen – Zeit zum Nachspüren. Beim anschließenden Gespräch mit Frau N. tauschen wir unsere Beobachtung und Wahrnehmung aus. Ihre Rückmeldung:
„Ich fand es einfach richtig schön und es tat auch mir gut“.
Ich durfte Lia etwa 2,5 Monate mit den Klängen begleiten. Sie hat immer sehr schnell mit wohliger Entspannung auf das Klangangebot reagiert. Inzwischen ist sie ordentlich gewachsen, hat an Gewicht zugenommen und konnte nach Hause entlassen werden.

Reaktionen auf das Klangangebot

Für meine „Klangkinder“ habe ich ein Rückmeldesystem über die Eltern und Pflegekräfte etabliert. Mithilfe eines Fragebogens notieren sie Besonderheiten in Bezug auf Atmung, Herzfrequenz, Schlafrhythmus, Wachheit (Vigilanz), Veränderung in der Medikation (besonders der Sedierung) und dem Trinkverhalten innerhalb der nächsten 24 Stunden. So erhalte ich ein Feedback über mein Angebot und kann dieses immer wieder anpassen. Soweit möglich, bin ich wöchentlich bei den „Klangkindern“ und begleite sie meist bis zur Entlassung.
Die Reaktionen der Kinder sind sehr vielfältig und reichen von tiefer Entspannung mit zufriedenem Schlaf bis hin zu wachem, interessierten, manchmal auch erstauntem Umherschauen. Oft berichten die Eltern und Pflegekräfte, dass die Kinder zufriedener und ausgeglichener sind. Dies deckt sich auch mit meinen Beobachtungen. Aus medizinischer Sicht kann meist eine positive Veränderung der Vitalparameter beobachtet werden, diese werden stabiler. Häufig tolerieren die Kinder nach dem Klangangebot Untersuchungen und Behandlungen viel besser. Das bedeutet dann weniger Stress für das Kind, die Eltern und das medizinische Personal.
Kleine Ausnahmen gibt es, wenn die Kinder nach dem Klangangebot zu entspannt sind, um noch bei der Physiotherapie entsprechend „mitzumachen“. Daher achte ich immer auch darauf, das Klangangebot optimal in den Tagesablauf zu integrieren. Besonders erfreulich ist es auch, wenn die Klänge den Darm in Schwingung bringen, sodass lästiges Bauchweh und Blähungen endlich Erleichterung finden und die Kinder Stuhl absetzen.
Der Klangraum verbindet die Eltern mit ihrem Kind. Die Eltern finden, trotz der unveränderten Umgebung, Momente der Ruhe, des „Nichtnachdenkens“, der tiefen Verbundenheit zu ihrem Kind. Es sind „Gänsehaut-Momente“ für mich, wenn sich die Kinder und Eltern von den Klängen tragen lassen. Wenn sie gegenseitig in eine tiefe Verbindung, in Resonanz kommen. Diese Arbeit sensibilisiert für die kleinen Nuancen, für das Hinschauen und Hinspüren.
Immer wieder bin ich erstaunt, wie auch schon die Allerkleinsten, so früh geborenen Frühchen, auf die Klänge reagieren. Es scheint wie eine Erinnerung an den vertrauten und geschützten Klangraum im Mutterleib. So schließt sich für mich der Kreis, denn der Einsatz von Klängen zu Heilungszwecken reicht über Jahrtausende zurück. Melodie und Rhythmus sind in unseren Körperzellen als altes Wissen gespeichert. Bei Früh- und Neugeborenen, Behinderten und alten, meist dementen Menschen, wo nonverbale Formen der Kommunikation notwendig sind, kann Klang an dieses alte Wissen anknüpfen und eine Verbindung schaffen – in eine schwingende Form von Kommunikation.

Meine Vision

Meine Vision ist die einer Integration von Klängen in Krankenhäusern und Hospitälern. Die so wichtige, hochtechnisierte und oft lebensrettende Schulmedizin öffnet sich mehr für die ergänzende Verbindung mit Komplementärangeboten. Eben auch eine Form von Kommunikation.
Im St. Franziskus-Hospital Münster ist diese Vision schon ein kleines Stück weit Wirklichkeit geworden. Ich bin dem Chefarzt der Neonatologie und Kinderintensivmedizin Dr. Urlichs sehr dankbar für die Unterstützung und das Vertrauen in meine Klangangebote. Mein ganz besonderer Dank gilt aber vor allem auch dem Pflegeteam dieser Station. Gerne würde ich mein Klangangebot über die Station hinaus bekannter machen. Hier hoffe ich in der Zukunft auch auf Unterstützung durch die Geschäftsführung und das Direktorium. Es sieht schon etwas exotisch aus, wenn meine schönen Klangschalen auf dem kleinen Wagen zwischen Monitoren, Geräten und Kabeln stehen. Der Anfang ist gemacht!

Literatur

Renz, Monika (2009): Zwischen Urangst und Urvertrauen. Paderborn: Junfermann Verlag.
Hess, Peter und Koller, Christina (2009): Klangmethoden in der therapeutischen Praxis. Uenzen: Verlag Peter Hess.
Hess, Peter und Koller, Christina (2007): Klang erfahren mit Klang professionell arbeiten. Uenzen: Verlag Peter Hess.

Uta Altmann
ist examinierte Krankenschwester, Peter Hess®-Klangmassagepraktikerin, KliK®-Expertin und Entspannungspädagogin. Weiterbildung in integrativer Körperarbeit auf der Basis von Body-Mind Centering, Nia®, Black Belt Teacher, Faszien-Rotation nach Eibich®, Pilates Trainerin und in Ausbildung zum systemischen Coach.
Kontakt: E-Mail: altmannu@yahoo.de · www.uta-altmann.de
St. Franzikus-Hospital Münster · Hohenzollernring 70 · D-48145 Münster · www.sfh-muenster.de

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