Mit Klängen Momente des Wohlgefühls schenken – Klangmassage in der Multimodalen Schmerztherapie

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von Gastautorin Dr. Christina Koller im Gespräch mit Petra Zeidler

Petra Zeidler, die seit 2014 Peter Hess®-Klangmassagepraktikerin und seit 2016 Peter Hess®-Klangentspannungscoach ist, arbeitet als klassische Masseurin im Klinikum Ansbach. In dem 425 Planbetten umfassenden Haus gibt es auch zehn Betten der Schmerztherapie. Die Patienten, die Petra Zeidler mit Klang behandelt, sind zwischen 20-85 Jahre alt und leiden i.d.R. schon seit vielen Jahren unter ihren Schmerzen.

Viele der Patienten haben bereits einen langen Leidensweg hinter sich, oft gelten sie als „austherapiert“. Aus ihrer langjährigen Erfahrung weiß die klassische Masseurin, dass die Menschen sehr unterschiedlich mit ihren Schmerzen umgehen. Hier spielt auch das Alter eine Rolle. Ältere Patienten haben oft die Haltung von „Stell dich nicht so an“, wohingegen gerade junge Patienten aufgrund der langen, andauernden Schmerzerfahrung eine Übersensibilität entwickelt haben. Die Schmerzpatienten sind in der Regel für drei Wochen in der Klinik. Während dieser Zeit ist meist nur eine Klangsitzung möglich, selten kommen Patienten zweimal zur Klangmassage. Die Ärzte und Psychologen, die die Patienten zu Petra Zeidler schicken, geben ihr i.d.R. einen klaren Auftrag.

Multimodale Schmerztherapie

Das Konzept der multimodalen Schmerztherapie betrachtet den Schmerz als Ganzes. Entsprechend vielfältig ist auch das Behandlungskonzept, das sowohl die medikamentöse Behandlung als auch physiotherapeutische Therapien, Entspannungsmethoden und Psychologische Behandlungsansätze umfasst. Da das Gehirn nicht zwischen akutem und chronischem Schmerz unterscheiden kann, wird der Schmerzlevel bei beiderlei Schmerz hochgehalten. D.h. für chronische Schmerzpatienten, dass sie immer unter Stress stehen und genau hier kann die Klangmassage wunderbar eingesetzt werden. Durch die Entspannung bzw. Stressreduktion wird das System grundlegend beeinflusst. Oft ist dies wie eine neue Erfahrung. In diesem Sinne kann die Peter Hess®-Klangmassage als komplementäre Methode gezielt Unterstützung bieten. Ein Vorteil des Klangangebots ist dabei, dass die Patienten nicht aktiv mitwirken müssen – wie dies beispielsweise beim Autogenen Training oder der Progressiven Muskelentspannung der Fall ist.

Meist zielt das Klangangebot auf Entspannung und Loslassen

„Häufig geht es darum, den Menschen mit der Klangsitzung eine Möglichkeit zu bieten, einmal die Kontrolle abzugeben. Für viele Schmerzpatienten scheint das geradezu unmöglich zu sein. Denn das Loslassen stuft ihr System als etwas Gefährliches ein. Es besteht die Angst, wieder in den Schmerz ‚hineinzurutschen‘, wenn nicht alle Schmerz verursachenden Faktoren kontrolliert werden. Gerade bei Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden, ist hier meist erstmal ein Widerstand zu spüren.“, erklärt die erfahrene Masseurin.
Über ihre Erfahrungen berichtet sie: „Bei so gut wie allen Patienten habe ich bisher beobachtet, dass sie mit Klang sehr schnell herunterfahren können, sich entspannen und loslassen können. Es gibt auch Patienten, bei denen ist die schmerzbedingte Beeinträchtigung ein Schutz vor etwas Anderem. In diesen Fällen wird der Schmerz unbewusst funktionalisiert, um z.B. etwas nicht tun zu müssen. Dahinter stecken meist sehr komplexe Zusammenhänge. Die Klänge können hier den Prozess der Klärung und Aufdeckung unterstützen.“


Anwendung bei Patienten

I.d.R. führt Petra Zeidler in der einen zur Verfügung stehenden Sitzung eine klassische Klangmassage für den Rücken durch. Wobei die eigentliche Klangbehandlung maximal eine halbe Stunde dauert. Soweit möglich entscheidet sie sich für die Bauchlage, auch deshalb, weil das Umdrehen von der Rücken- in die Bauchlage die Entspannung unterbrechen würde. Die Bauchlage ist nicht bei allen Patienten möglich, doch auch die, die anfangs zögerlich sind, bittet sie, sich darauf einzulassen. „Und häufig sind sie dann völlig überrascht, dass sie so lange auf dem Bauch liegen können. Ganz oft schlafen Patienten auch ein und das danach Wieder-Aufstehen ist wie ein ‚Muskelkater‘, weil es so ungewohnt ist, einmal loszulassen.“, erzählt sie und berichtet weiter: „Viele der Patienten wissen gar nicht mehr, wie es ist, sich zu spüren, ohne Schmerzen zu haben. Überhaupt einmal etwas Anderes als ihre Schmerzen zu spüren.“

Die Wirkungen sind sehr vielseitig

Die Wirkungen, die die Klänge hervorrufen sind sehr vielfältig.
„Die meisten Patienten die zu mir kommen, nehmen die Klangmassage als passive Maßnahme wahr und sind überrascht, was da alles passiert. Das kann sehr unterschiedlich sein. Gerade bei den Männern braucht es zu Beginn oft aber erst mal etwas Information, damit sie sich auf das Angebot einlassen können. Die Erklärung über die physikalische Wirkung der Klangschwingung macht viele dann neugierig und ist ein guter ‚Türöffner‘.

Manche Patienten erleben die Klangmassage als etwas sehr Schönes. Andere sind richtig erschrocken, weil sie sich zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder selbst gespürt und erlebt haben. Hier ist dann die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Psychologen sehr wichtig, um das Erlebte und den Wert dieser Erfahrung – nämlich, dass es möglich ist, sich ohne Schmerzen zu spüren – integrieren zu können.

Ich erlebe bei vielen Patienten, dass sie eine dicke ‚Schutzmauer‘ um sich errichtet haben. Dies hat oft sehr unterschiedliche Gründe. Aber dem Klang ist das egal, der erreicht immer die Seele.“, so die erfahrene Klangmassagepraktikerin. Als besonders schön empfindet Petra Zeidler, wenn sie erlebt, wie die Patienten durch die Klänge wieder aktiv werden und sich selbst wieder etwas Gutes tun. Denn gerade bei den jungen Patienten ist es für die Mutter von vier Kindern oft schwer zu sehen, wie sehr sie sich durch ihre Erkrankung einigeln und vor Neuem verschließen. Aber aus ihrer inzwischen mehrjährigen Erfahrung mit den Klängen weiß sie, dass viele Patienten nach der Klangmassage mehr können, als sie vorher gesagt haben (z.B. „Ich kann nicht auf der Seite liegen, ich kriege mein Bein nicht weiter hoch,…“ – und dann geht das doch!).
So können sich manche Patienten nach der Klangmassage besser bewegen, nehmen wieder Körperbereiche wahr, die sie vorher nicht mehr gespürt haben – das bestätigen auch immer wieder Kollegen. Wenn auch selten, so kommt es immer wieder mal vor, dass Patienten nach der Klangsitzung für eine gewisse Zeit schmerzfrei sind, das ist natürlich besonders toll. Bei anderen hingegen verstärken sich die Schmerzen in Bereichen, bei denen sie gar nicht damit gerechnet hätten, weil sie die gar nicht mehr wahrnehmen konnten. Doch auch diese Erfahrung erweist sich im Therapieverlauf i.d.R. als positiv, da hierin ein gewisses Entwicklungspotenzial liegt.

Fallbeispiele aus der Praxis von Petra Zeidler

Die Klänge helfen runterzukommen
„Ich wurde von Ihnen entschleunigt“, sagte einmal eine Patientin, die bei mir in der Klink war. Diese Frau war in ihrem Alltag immer aktiv, hilfsbereit, beschäftigt (Kuchen backen, um Enkelkinder und Nachbarskinder kümmern, Marmelade kochen…). Sie litt aber eigentlich an Depressionen. Die Oberärztin schickte sie mir mit dem Anliegen, ob es möglich wäre, sie herunterzufahren, um ihr eine Möglichkeit zum Entspannen und Loslassen zu eröffnen. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass ich diese Intention dadurch unterstützen kann, dass ich die Klangschalen nur Richtung Füße anschlägele. Da kommen die Menschen immer super runter. Und so war es auch bei dieser Patientin. Sie lief nach der Klangsitzung wie ferngesteuert durch die Gegend, ihr sonst stets aufgesetztes Lächeln war weg. Die immer korrekte Patientin kam sogar zu ihren Sitzungen zu spät. Sie kam nochmal direkt zu mir, obwohl der offizielle Weg über Ärzte/Psychologen laufen sollte, mit der Bitte: „Ich will das wieder haben, ich konnte endlich mal wieder schlafen.“ Ich leitete ihre Bitte an die Ärzte weiter und diese verordneten eine zweite Sitzung. Nach Beendigung des dreiwöchigen Aufenthaltes riet ich ihr, erst mal zu Hause anzukommen.
Etwa drei Wochen später kam sie zu ihrer ersten privaten Klangmassage zu mir und erzählte, dass sie nach ihrem Klinikaufenthalt zu Hause auch mal Sachen unerledigt liegen und alle Fünfe gerade sein lassen kann. Früher hätte es öfter Streit gegeben, da sie mitten in der Nacht noch Haushaltsaufgaben erledigt hätte (Wäsche waschen, bügeln, usw. …). „Nun fühle ich mich entschleunigt und so etwas stört mich weniger“, erzählte sie mir stolz.

Da sie die Klangmassage als so positiv erlebt hatte, kommt sie nun privat zu mir zu Sitzungen. In solchen Fällen ist es mir wichtig, den Menschen etwas an die Hand zu geben, womit sie selbst die Klänge weiter für sich nutzen können. So laufen sie nicht Gefahr, die positive Wirkung an meiner Person festzumachen. Ich hab die Erfahrung gemacht, dass es oft reicht, die Klangschale für fünf Minuten auf die Hand zu stellen und einfach hineinzuspüren. Im Falle dieser Patientin habe ich ihr daher nach einer Sitzung für zwei Wochen eine ‚Leihklangschale‘ (Universalschale) mitgegeben. Somit kann sie sich mit den Klängen, abends vor dem Schlafengehen oder morgens zum Aufstehen, selbst etwas Gutes tun.

Ausgleichende Wirkung auf die Darmfunktion
Ich hatte einen Patienten mit spezieller Darmerkrankung, bei welcher sich dieser nur unter Schmerzen, Krämpfen und Blutungen entleeren konnte. Die klassische Klangmassage in Bauchlage war für ihn nicht möglich, auch in Rückenlage konnte er nicht entspannen, da er bei den kleinsten Darmgeräuschen verkrampfte. Er konnte aber dennoch die halbe Stunde erleben, ohne den Drang auf die Toilette gehen zu müssen. Dieser Patient hatte die Möglichkeit auf eine zweite Sitzung. Ich entschied mich bei dieser zweiten Sitzung für eine Klangmassage-Variation, die an die „Urvertrauen- Klangmassage“ (aus dem Seminar „Urvertrauen – Wandlung. Einklang für Körper und Seele“) angelehnt war.
Hierbei konnte er sich so tief entspannen, dass ich ihn nach der halben Stunde sogar wecken musste. Er berichtete im Nachhinein, dass er sich seit Monaten das erste Mal ohne Schmerzen, Krämpfe oder Blutungen entleeren konnte. Für ihn ein Gefühl der Befreiung. So wird die Wirkung der Klangmassage von Einzelnen immer wieder mal als regelrechte Sensation erlebt.

… und dann war er plötzlich weg, eingeschlafen …
Ein junger Mann mit hoher Querschnittslähmung kam zu mir. Nach einem Kopfsprung in einen Baggersee konnte er nur noch seinen Kopf und die Arme bewegen. Die Hände hingegen nicht mehr. Bei unserer Begegnung saß er im Rollstuhl und war angeschnallt. Er bewegte sich ständig, um seinen Körper wahrzunehmen.

„Und jetzt mach mal ne Klangmassage“, so mein Gedanke. Ich stellte den Rollstuhlmit der Rückenlehne gegen die Sprossenwand, um den Stuhl zu stabilisieren. Den Kopf unterlagerte ich mit Kissen an der Sprossenwand. Eine Massageliege stellte ich mit dem nach unten gestellten Kopfteil vor seine Füße und platzierte diese auf dem Kopfteil. Seinen Armen und Händen bot ich ein Stillkissen als Unterlage vor seinem Bauch an. Auf das Stillkissen platzierte ich zwischen seinen Händen die große Herzschale. Auf die Liege, kurz vor den Füßen, stellte ich zusätzlich die große Beckenschale. Die Füllung des Stillkissens leitet die Schwingungen optimal weiter, sodass der junge Mann durch die Klangmassage seine Hände und Arme erfahren konnte.

Begonnen habe ich die Sitzung mit einer Universalschale, welche ich im Körperumfeld vom Kopf beginnend zu den Füßen hin geführt habe. Hier schlägelte ich zur Vervollständigung die Beckenschale vor den Füßen an. Diese setzte das Kopfteil der Liege und somit die Füße in Schwingung. Die sogenannte „Bolo-Spezial-Klangschale“ (Klangschale mit einem Lochausschnitt im Boden) kam bei seinen Schultern zum Einsatz. Seine körpersuchenden Bewegungen wurden im Laufe der Klangmassage immer weniger und er konnte völlig loslassen. Trotzdem, dass er nicht sagen konnte, was er spürte, hat er doch die Schwingungen wahrgenommen. Er fand es „ganz cool“ an den Schultern, denn dort konnte er die Schwingungen wirklich spüren. Erkonnte nicht genau sagen  wie und dann war er auf einmal weg, ist eingeschlafen – das war total schön. Er war von der Methode ganz begeistert und hat später gleich noch nach der Peter Hess®-Klangmassage gegoogelt. Denn er hatte herausgefunden, dass, wenn er den Schlägel in einem bestimmten Winkel hält, er die Klangschale selbst zum Klingen bringen kann. Und daher wollte er sich unbedingt eine Universalschale kaufen und nach einem Klangmassagepraktiker in seiner Nähe suchen.

Behandlung über den Klinikaufenthalt hinaus…

Einige Patienten nehmen über ihren Klinik-Aufenthalt hinaus die von der Klinik Ansbach angebotene ambulante Betreuung durch die bereits bekannten Ärzte und Psychologen in Anspruch. Auch hierüber werden immer wieder neue oder bereits bekannte Patienten an Petra Zeidler zur Klangmassage geschickt. Falls die Patienten das wünschen, tauscht sich die angehende Klangtherapeutin dann auch weiterhin mit den Ärzten/Psychologen der Klinik aus. Es gibt aber auch gelegentlich Patienten, die – wie im Fallbsp. mit der Frau – von selbst weitere Klangmassagen für sich nutzen möchten. Im Gegensatz zur Behandlung in der Klinik, bei der die Ärzte bzw. Psychologen die Zielsetzung vorgeben, bestimmen in diesem Fall die Patienten selbst, was ihr Anliegen, ihr Ziel ist.

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